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Anglizismus des Jahres 2021: Woher kommt die Wut aufs „Boostern“ wirklich?

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Von: Stephan Hebel

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Anglizismus des Jahres
Das Verb „boostern“ ist zum Anglizismus des Jahres 2021 gekürt worden. © Federico Gambarini/dpa

Was Sie mit dem Anglizismus des Jahres anfangen sollen, hängt vor allem von Ihrem sprachpolitischen Standpunkt ab.

Frankfurt - Haben Sie das gehört? „Boostern“ ist der „Anglizismus des Jahres“. Was das bedeutet? Klare Antwort: Kommt drauf an. Was Sie damit anfangen sollen? Das hängt von Ihrem politischen und vor allem sprachpolitischen Standpunkt ab. Die Frankfurter Rundschau, Ihre Ratgeberin in den schönsten Streitfragen der Gegenwart, nennt zwei Möglichkeiten zur freien Auswahl, je nachdem, welcher Bevölkerungsgruppe Sie angehören.

Anglizismus des Jahres: Typ eins macht aus seiner Skepsis eine Ideologie

Erstens: Aus Ihrer Sicht steht der Untergang des deutschsprachigen Abendlandes unmittelbar bevor. Als größte Bedrohung Ihrer Existenz (außer Gendersternchen und Flüchtlingen) empfinden Sie die „sprachliche Selbstaufgabe“ durch Anglizismen, wie der von Ihnen verehrte „Verein Deutsche Sprache“ (VDS), das traditionelle Bollwerk linguistischen Deutschtums, sich auszudrücken pflegt.

Täglich ziehen Sie den „Anglizismenindex“ des VDS zu Rate, und das schon seit damals, als Sie einen VDS-Fanclub gründen wollten: Gerade noch rechtzeitig schauten Sie nach und riefen anschließend einen „Mitfiebererverbund“ (Anglizismenindex, Seite 143) ins Leben. Das ist für Sie ein besonders schönes Wort, da es neben seiner deutschen Komplexität auch noch die männliche Form enthält.

Wenn Sie dieser Gruppe angehören, denken Sie für einen Moment: Ah, Anatol Stefanowitsch, der Linguist und Initiator der Aktion „Anglizismus des Jahres“, ist ein Verbündeter im Kampf gegen das unbefugte Eindringen englischer Wörter in unsere Muttersprache! Aber dann lesen Sie die Begründung: Das Wort „Boostern“ als Synonym für das Verabreichen einer Auffrischungsimpfung ermögliche „eine knappe und trotzdem eindeutige Kommunikation“, heißt es da. Außerdem habe es „einen optimistischen und dynamischen Beiklang, an den die Auffrischung einfach nicht heranreicht“. Stefanowitsch ist, für Sie keine Frage, ein Verräter.

Ergebnis: Sie malen ein Plakat „Boostern killt Deutschland“. Das werfen Sie weg und malen schnell noch ein Plakat, auf dem Sie „killt“ durch „tötet“ ersetzen. Anschließend gehen Sie mit dem Plakat auf die Straße und bekommen einen Wutanfall.

Anglizismus des Jahres: Typ zwei sieht die Sache wesentlich entspannter

Zweitens: Sie kommen zwar manchmal weder beim Gendern so recht mit noch bei den Anglizismen, vor allem wenn Sie abends nach fünf Zoom-Calls und drei Meetings, darunter zwei Kick-offs, erschöpft vom Homeoffice in den Livestream Ihres bevorzugten Sportportals wechseln. Aber eine Ideologie machen Sie aus Ihrer Skepsis deshalb nicht.

Sie verstehen schließlich sowohl das Bemühen um Ausdrucksweisen, die die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegeln, als auch die quasi natürliche Lebendigkeit von Sprachen, die sich schon immer miteinander vermischt und durch Fremd- oder Lehnwörter gegenseitig bereichert haben. Was in Zeiten globalen Austauschs natürlich erst recht der Fall ist, allen Übertreibungen zum Trotz. Sie haben auch gelesen, dass viele Anglizismen aus Wörtern bestehen, die das Englische selbst übernommen hat, ohne unterzugehen, zum Beispiel aus dem Lateinischen.

Ganz entspannt schauen Sie sich also die Liste der „Anglizismen des Jahres“ an. Dort finden Sie vertraute Begriffe wie „Shitstorm“ (2011), „Fake News“ (2016), „…for Future“ (2019) oder „Lockdown“ (2020). Und irgendwie ahnen Sie, dass die Anglizismen-Wut mancher Leute vielleicht nicht nur mit der Herkunft der Wörter zu tun hat, sondern auch mit ihrer Bedeutung.

Ergebnis: Sie genehmigen sich ein Glas Bitter Lemon (VDS-Deutsch: Bitterlimonade) oder gar ein alkoholisches Mischgetränk mit tonischem Wasser. Dabei schauen Sie weiter Ihre Lieblingssportart im Direkt-Datenstrom (Anglizismenindex, Seite 232).

So weit die Auswahlmöglichkeiten. Kleiner Hinweis für Ihre Entscheidung: Vom Typ eins gibt es schon mehr als genug. (Stephan Hebel)

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