Bild Hetze Kolummne Zeitung
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Trotz oder gerade wegen der vielen Leser*innen: Die „Bild“-Zeitung hat es nicht immer leicht.

Zwischen Redaktionsstatut und „Volkes Stimme“

Zwischen Hetze und Heuchelei: Kampf gegen Rechts bringt die „Bild“ in ein Dilemma

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Zwischen Hetze und Heuchelei ist der Weg für die „Bild“-Zeitung ein schwerer. Eine Erklärung des Dilemmas.

Eigentlich dürfte man ja einem Blatt wie der „Bild“-Zeitung keinen Vorwurf machen. Es tut das, was eigentlich als die Urtugend des Journalismus gilt, es „schaut dem Volk aufs Maul“. Gemeint ist, Rechercheure sollten sich unter die Leute mischen, dort genau hinhören und hinsehen – und das beschreiben.

Auch für die „Bild“-Zeitung haben sich die Zeiten geändert

Sich also nicht mit den Verlautbarungen von Politikern und Experten begnügen, sondern die bequemen Fauteuils der Redaktionsstuben verlassen, sich auf die harten Holzstühle an Stammtischen begeben, dort statt teurer Cognacs billige Schnäpse trinken, statt edler Havannas schwarzen Knaster rauchen – und Augen und Ohren aufsperren. Die Umstände haben sich geändert, das Prinzip ist geblieben. Und da beginnt das Problem von „Bild“.

Egal nämlich, was das Volk so sagt, man hat sich seit 1967 an Redaktionsgrundsätze des Verlagsvaters Axel Springer zu halten. Eine der damaligen Anweisungen hat sich mittlerweile erledigt. Sie betraf die Wiedervereinigung Deutschlands. So kam es auch zu den berühmten Gänsefüßchen, zwischen die in allen Publikationen des Konzerns der Begriff „DDR“ zu setzen war, als Symbol der Nichtanerkennung eines zweiten deutschen Staats.

Der Kampf gegen Rechts ist ein Dilemma der „Bild“-Zeitung

Diese Regel zu befolgen, war unproblematisch. Schließlich ließ sich kaum ein Maul im Volk finden, das anderer Meinung war. Im Zweifelsfall war es den Leuten egal, wie viele Deutschlands es gab – zumindest im Westen. Anders bei einem weiteren Grundsatz. Er nämlich bedingt den steten Kampf gegen jede Art von Rechtsradikalismus und neuerdings auch gegen Rassismus.

Zwar lassen sich bis heute nur wenige Landsleute finden, die offen einen neuen Faschismus fordern, gelebt hingegen wird anderes. Wer’s nicht glaubt, begebe sich mal wieder an besagte Stammtische – oder schaue auf die Umfrageergebnisse der sogenannten Alternative für Deutschland. Genau da beginnt das Dilemma von „Bild“. Es ist nicht lösbar. Das Ergebnis des Anschreibens gegen die Windmühle Redaktionsstatut ist der Versuch, einen eierlegenden Wollmilchjournalismus zu gebären – was naturgemäß schiefgehen muss.

Zwischen Hetze und Heuchelei

Ein Teil des Volks nämlich richtet sich nicht nach dem springerschen Antifa-Statut, genau dieser Teil aber kauft traditionell diese Zeitung. Ein Zwiespalt, der gerade in Zeiten sinkender Auflagen immer prekärer wird. Das Ergebnis ist ein Paradox. In dicken Lettern wird gegen Flüchtlinge, Ausländer und die Europäische Union gehetzt, in kleinen Kommentaren hingegen Antifaschismus geheuchelt.

So wird einerseits keine Gelegenheit ausgelassen, auf die Herkunft potenzieller Straftäter hinzuweisen, da wird ständig auf die Gefahr für „unser Geld“ hingewiesen, wenn Deutschland notleidende EU-Partner unterstützt, andererseits aber befindet Chefkolumnist Franz Josef Wagner, ein zur Bewährung verurteilter KZ-Wächter habe eine härtere Strafe verdient, solle sogar trotz seines hohen Alters ins Gefängnis.

Die „Bild“-Zeitung hat es nicht leicht

Das ist nun ein äußerst seltener Fall, ein Paradox in einem Paradox. Wagner schürt nämlich sogar mit seiner vermeintlich antifaschistischen Forderung schon wieder rechtes Gedankengut. Ein demokratischer Staat ist nämlich auch humanen Werten verpflichtet. Und danach gehört ein kranker Greis nicht in den Knast – egal, was er verbrochen hat. Oh, „Bild“, Du hast es nicht leicht. Mein Mitleid aber hält sich in Grenzen. (Michael Herl ist Autor und Theatermacher.)

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