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Bezahlter Parteitag

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Von: Johannes Dieterich

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Das Wandbild wirbt 2019 für die Regierungspartei ANC (Afrikanischer Nationalkongress). „Lass uns wachsen, Südafrika. Gemeinsam“, steht dort sinngemäß. Doch das einzige, das wächst, sind die Einkünfte der Funktionäre. Unterdessen leiden die Menschen in Südafrika unter Korruption, Rekordarbeitslosigkeit und anhaltender Armut.
Das Wandbild wirbt 2019 für die Regierungspartei ANC (Afrikanischer Nationalkongress). „Lass uns wachsen, Südafrika. Gemeinsam“, steht dort sinngemäß. Doch das einzige, das wächst, sind die Einkünfte der Funktionäre. Unterdessen leiden die Menschen in Südafrika unter Korruption, Rekordarbeitslosigkeit und anhaltender Armut. © Ben Curtis/dpa

Bei der afrikanischen Regierungspartei ANC läuft nichts ohne Geld. Das bringt ihre Funktionäre auf abwegige Gedanken. Die Kolumne.

Kurz bevor die einst ehrwürdige Organisation Nelson Mandelas vollends in der Kloake der Geschichte verschwindet, hat sie noch einmal mit einem verblüffenden Vorschlag auf sich aufmerksam gemacht. Wer am Parteitag des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) Mitte Dezember als Beobachter teilnehmen wolle, werde zur Kasse gebeten, gab dessen Pressesprecher Pule Mabe bekannt. Auch Journalisten.

Das einzigartige Ansinnen mag für demokratische Ohren fremd klingen, dem ANC ist es auf den Leib geschneidert. In der seit 28 Jahren regierenden Partei wird inzwischen alles für Geld gehandelt: sowohl Parteiämter als auch die Berücksichtigung bei öffentlichen Bauvorhaben oder Stimmen auf dem Parteitag. Warum sollte die Berichterstattung davon ausgeschlossen sein?

Mit seinen stürmischen Parteitagen hat der ANC eine Marke geschaffen, die sich auch mühelos monetarisieren lässt. Schließlich verlangt die Fifa für die Übertragung von WM-Spielen ebenfalls Geld. Selbst wenn sie in Katar stattfinden.

Wie das mit dem Eintrittsgeld genau aussehen soll, wollte der ANC zu einem späteren Zeitpunkt erläutern. Jedenfalls werde man verschiedene „Pakete“ schnüren, die den Bedürfnissen der Berichterstatterinnen und Berichterstatter auf den Leib geschneidert seien, hieß es schon mal. Ob ein derartiges Paket gegen Aufpreis neben den üblichen Pressekonferenzen auch ein Exklusivinterview mit dem neugewählten Parteichef umfasst? Oder in der Sparversion zumindest einen knackigen O-Ton enthält? Denkbar wäre auch, dass ein Korrespondent mit tiefen Taschen die Ergebnisse der Führungswahl schon vorab, zu Beginn des Parteitags, erhält. Und beim Erwerb eines Rundum-Pakets eine Stimme abgeben darf. Oder auch zwei.

Dass schon die Wahl des derzeitigen Präsidenten Cyril Ramaphosa vor fünf Jahren gekauft war, davon ist fast die Hälfte der ANC-Delegierten überzeugt. Ramaphosa soll damals umgerechnet rund 30 Millionen Euro in den innerparteilichen Wahlkampf gepumpt haben. Der bankrotten Organisation kam die Ausschüttung allerdings nicht zu Gute: Ihre Angestellten müssen immer wieder auf ihr Gehalt verzichten – während ihre Funktionäre als Minister, Abgeordnete oder öffentliche Bedienstete natürlich aus der Staatskasse bezahlt werden.

Auch Marktforscher halten den ANC für eine sterbende Partei. Bei den Wahlen 2024 werde die Organisation (die einst über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament verfügte) höchstens noch 40 Prozent der Stimmen bekommen, wird prophezeit. Schließlich ist der ANC für Südafrikas spektakulären Absturz verantwortlich zu machen: Unter Ramaphosas Vorgänger Jacob Zuma wurden rund 85 Milliarden Euro an Steuergeld veruntreut, das Land leidet unter chronischen Strom- und Wassernotständen, Ratingagenturen haben ihm inzwischen den „Junk“-Status verpasst.

Bei Ramaphosas Herausforderer handelt es sich übrigens um den ehemaligen Gesundheitsminister Zweli Mkhize, der wegen einer Betrugsaffäre Anfang dieses Jahres zurücktreten musste. Seiner Nominierung für das Amt des ANC-Chefs stand das nicht im Weg.

Letzte Meldung: Die Sache mit dem Eintrittsgeld hat der ANC angesichts des öffentlichen Aufschreis wieder begraben. Eigentlich schade: für Korrespondenten gibt es jetzt keinen triftigen ökonomischen Grund mehr, dem Auftrieb der verrotteten „Comrades“ fernzubleiben.

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

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