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Berliner Straßenkämpfe

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Von: Harry Nutt

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Lässt sich von Kämpfen zwischen Auto- und Radfahrer:innen sowie Fußgänger:innen nicht beeindrucken: das „Grasende Fohlen“ der Bildhauerin Renée Sintenis in Berlin-Friedenau.
Lässt sich von Kämpfen zwischen Auto- und Radfahrer:innen sowie Fußgänger:innen nicht beeindrucken: das „Grasende Fohlen“ der Bildhauerin Renée Sintenis in Berlin-Friedenau. © Schöning/Imago

Wo der Verkehr in Wohnvierteln beruhigt wird, kommt es hin und wieder zu Dissonanzen zwischen Auto und Rad. Die Kolumne.

An Sonnabenden setzte ich mich manchmal ganz altmodisch mit einem Bündel Zeitungen unterm Arm abseits des Friedenauer Wochenmarktes in Berlin auf eine Parkbank am Renée-Sintenis-Platz. Gleich nebenan steht das „Grasende Fohlen“, eine Bronze-Skulptur der Berliner Bildhauerin Renée Sintenis, die nach Überwindung des NS-Regimes einige Berühmtheit durch die Gestaltung des Berlinale-Bären erlangte.

Die ästhetische Spannung, die aus der Verletzlichkeit des dargestellten Tieres und dem witterungsfesten Material, aus dem es geschaffen ist, entsteht, verleiht diesem Platz eine markante Aura aus Idyll und Urbanität, als bedingten sie einander. Täusche ich mich oder meine ich den nur wenige Meter entfernt den Platz umfließenden Verkehr kaum zu vernehmen?

Das Friedenauer Viertel, wo Uwe Johnson, Max Frisch und Günter Grass einst nur wenige Meter entfernt gelebt und geschrieben haben, zeichnet sich durch die liebliche Gründerzeitarchitektur einiger gut erhaltener Stadtvillen aus. Fußgänger, Rad- und Autorfahrer wissen einander achtsam zu arrangieren. Letztere sind hier vor allem unterwegs, um einen Stellplatz zu suchen. Autofahrer mit Ortskenntnis meiden das enge Viertel und versuchen gar nicht erst, von hier nach da zu kommen.

Seit ein paar Jahren aber tobt ein unerbittlicher Straßenkampf, schon 2015 wurde in der Bezirksverordneten Versammlung (BVV) die Umwidmung der Handjerystraße, in deren Mitte der Renée-Sinenis-Platz liegt, in eine Fahrradstraße beschlossen.

In den zurückliegenden sieben Jahren ist vergleichsweise wenig passiert, nun aber hakt es bei der Umsetzung, und selbst Anwohnerinnen und Anwohner und beteiligten Politikerinnen und Politiker dürfte es schwerfallen, das Pro und Contra der Veränderung der Verkehrsführung ohne emotionale Aufwallungen darzustellen. Wenn es eine verkehrspolitische Vernunft gibt, dann scheint sie in Friedenau gerade nicht vorrätig zu sein.

Autofahreinnen und Autofahrer kommen in dieser Auseinandersetzung als traurig-überkommene Spezies vor, der nachgesagt wird, die Zeichen der Zeit nicht erkannt zu haben. Sie sollen verschwinden. Radfahrerinnen und Radfahrer treten auf, als sei ihre Fortbewegungsart der Günstling eines historischen Augenblicks, scheinen dabei aber nicht mit jener Empfindsamkeit von Fußgängerinnen und Fußgängern gerechnet zu haben, die doch gerade in dem „Grasenden Fohlen“ der Sintenis ins Bild gesetzt ist, als sei sie eine Göttin des Schutzbedürftigen.

Was eben noch den Eindruck eines gut durchdachten Argumentes verkehrspolitischer Innovation erweckte, wird alsbald von der Kakophonie aus Einwänden und Beschimpfungen geschluckt. Twitter und Facebook sind meine Zeugen. Straßenkämpfe sind auch kommunikative Behauptungskämpfe.

Die Handjerystraße in Friedenau ist kein Solitär. Dort, wo man schon etwas weiter ist, in der Kreuzberger Bergmannstraße oder in der nun auch auf dem Gerichtsweg heftig umtosten Friedrichstraße in Mitte zeigt sich die Dissonanz zwischen dem Bedürfnis nach Verkehrsberuhigung und der mangelnden Begabung, dieser auch gestalterisch einen Ausdruck zu geben.

Neben einigen begehbaren Gewächshäuschen finden sich hier Dutzende vertrocknete Pflanzen, die die Wiederaneignung der einst von Autoblech geplagten Straße als traurige Farce erscheinen lassen. Angesichts solcher Stadterneuerungswut droht dem „Grasenden Fohlen“ wohl bald der Hungertod.

Harry Nutt ist Autor.

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