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Berliner Abstiegsängste

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Von: Harry Nutt

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Berlin. Sehr groß, laut und möglicherweise auch hier und da etwas schmutzig. Aber welche Menschensiedlung ist das nicht? Vor allem ist Berlin bunt.
Berlin. Sehr groß, laut und möglicherweise auch hier und da etwas schmutzig. Aber welche Menschensiedlung ist das nicht? Vor allem ist Berlin bunt. © Marius Schwarz/Imago

Die Hauptstadt ist besser als ihr Ruf. Sie ist immer noch laut, bunt und anstrengend. Es müssen aber auch Konflikte gelöst werden, die über die Stadt hinausgehen. Die Kolumne.

Die Ausdrucksformen der Subkultur, die in Westberlin lange ein wichtiger Gradmesser waren, haben die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann seit jeher kaltgelassen. Pikiert notierte sie bereits 1965: „Im Kommen ist jetzt der Kreuzberg, die feuchten Keller und die alten Sofas sind wieder gefragt, die Ofenrohre, die Ratten, der Blick auf den Hinterhof. Dazu muss man die Haare wachsen lassen, muss herumziehen, muss herumschreien, muss predigen, muss betrunken sein …“ So richtig wohl scheint sich Bachmann in Berlin nicht gefühlt zu haben.

Als ich Anfang der 80er Jahre in die Stadt meiner jugendlichen Sehnsüchte kam, waren die Ofenrohre noch da. In der Charlottenburger B-Bar roch es nach Bier und Heizöl, als Beleuchtung dienten ein paar funzelige Glühbirnen. Wenig später wurde kräftig durchgelüftet. Die Neue Deutsche Welle war derart grell und karg, als ginge es darum, alles Kuschelige für immer zu vertreiben.

Berlin war ruppig, rau und betont unsauber, aber vermutlich wäre zu der Zeit niemand auf die Idee gekommen, es schmutzig zu nennen. Die Berliner haben ihre Stadt immer geliebt – mit einer verblüffenden Großzügigkeit, über Defizite hinwegzusehen.

Was – um Himmels Willen – aber mag den früheren Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) dazu bewogen haben, nun über den Schmutz in der Stadt zu sprechen, den er seine gesamte Amtszeit über nicht gesehen haben will? Wenn es der Versuch war, damit das leichtfertige Gerede über Berlin als „failed state“ auf ein paar Schmuddelecken zu reduzieren, dann ist das eher schiefgegangen. Für seine Amtsnachfolgerin Franziska Giffey (SPD) ist das Schmutzthema eine schwere Wahlkampfhypothek. Sie kenne ihre Stadt, wiederholt sie stereotyp, auch dort, wo es nicht so schön sei.

Mein Verdacht tendiert dazu, dass wir es hier mit einem Bündel von Abstiegsängsten zu tun haben. Berlin scheint insgesamt das Versprechen kultureller Distinktion abhandengekommen zu sein. Die Inspiration, aus den Fremdheitserfahrungen der vielen etwas Neues hervorgehen zu lassen, ist einem Unbehagen wechselseitiger Hemmung gewichen.

Ging das Gefühl der Stadt stets auch aus dem Geist eines schnoddrigen Realismus hervor, so beherrscht nach den Gewaltexzessen der Silvesternacht ein Erklärungsmikado im Jargon therapeutischer Beschwichtigung die Szene, in dem man sich selbst nicht über den Weg traut.

Berlin lärmt und schmerzt, das war nie wirklich anders. Inzwischen aber scheinen die Quellen urbaner Offenheit weitgehend versiegt. Die Freude über die bunten Kostüme beim Karneval der Kulturen wird überlagert von einem Entsetzen über die sich verfestigende Erkenntnis, dass neben den bunten Fußtruppen längst auch die Konflikte der Welt durch die Stadt marschieren. Es geht um Beschwörungen der Zukunftslosigkeit – so oder so.

Der Besuch eines Bürgeramts kann gegen die Eindrücke ubiquitärer Versumpfung übrigens helfen. Hat man es erst einmal geschafft, sich über die verstopften digitalen Wege einen Zugang zu verschaffen, verläuft ein Termin, beispielsweise zum Umtausch eines Führerscheins, erstaunlich reibungslos, auf die Minute genau – und reserviert-freundlich. Es ist, so die Botschaft dieser Zeilen, nicht alles verloren.

Harry Nutt ist Autor.

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