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Begeisterte Wähler:innen: Wann ziehen sie die Reißleine? Wann verlieren sie das Vertrauen?
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Begeisterte Wähler:innen: Wann ziehen sie die Reißleine? Wann verlieren sie das Vertrauen?

Kolumne

Beim Versprechen versprochen

  • Maren Urner
    VonMaren Urner
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Können wir einem Menschen vertrauen, der nicht hält, was er verspricht? Nein. Aber warum tun wir genau das in der Politik? Die Kolumne.

Wann ziehen wir die Reißleine? Wann verlieren wir unser Vertrauen? Wann die Hoffnung? Wenn Versprechen wieder und wieder nicht eingelöst werden. Dann haben wir irgendwann die Schnauze gestrichen voll, wie es so schön heißt. Vielleicht sind wir wütend, traurig oder verletzt, aber fest steht: So nicht! Denn wie sollen wir einem Menschen vertrauen, der seine Versprechen nicht hält?

Was wir im Privaten ganz selbstverständlich praktizieren, fällt uns mit Blick auf Politik und Wirtschaft bedeutend schwerer. „Angriffe, Vorwürfe und viele Versprechen.“ So fasste die Tagesschau das zweite Triell zusammen. Die ersten Leserkommentare brachten auf den Punkt, was ich meine. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Versprechen von Menschen, die ein Land regieren wollen, wenige Wochen bevor wir die Entscheidung treffen, ob wir ihnen genau das zutrauen, nicht viel mehr als Worthülsen sind. Mit anderen Worten: Wir haben gelernt, dass die Aussagen in TV-Duellen und auf Wahlplakaten zwar gut klingen, aber wenig mit dem zukünftigen Verhalten der Volksvertreter:innen zu tun haben.

Ist das unser Ernst? Und wenn ja: Warum lassen wir das mit uns machen?

Als ich mir vor einigen Tagen diese Frage stellte, fiel mir eine fast amüsante Doppeldeutigkeit der deutschen Sprache auf: Ich kann ein Versprechen machen oder mich versprechen.

Irgendwo entlang des Weges haben wir in unserer aufgeklärten, selbstbestimmten Zeit anscheinend akzeptiert, dass Versprechen von Menschen aus Politik, Wirtschaft, Kirche und anderen Institutionen häufig nur vermeintliche Versprechen sind; haben akzeptiert, dass sie eigentlich eher der zweiten Bedeutung des Wortes Versprechen folgen.

Warum lassen wir uns so veräppeln? Warum haben wir uns ein gesellschaftspolitisches System geschaffen, indem wir Versprechen häufig nicht mehr ernst nehmen (können) und doch fortwährend Menschen Verantwortung übertragen, die genau dieses Misstrauen rechtfertigen?

Aus psychologischer Sicht ist die Erklärung einfach: Wir verlangen nicht immer das, was wir eigentlich wollen. Tatsächlich haben wir zwei unterschiedliche Systeme im Gehirn, die uns gut fühlen lassen. Das eine ist getrieben von kurzfristigem Verlangen und Genuss, das andere von langfristigen Zielen. Also der mentale Kampf zwischen Burger mit Torte auf dem Teller und der langfristigen Gesundheit als Ziel.

So ähnelt der Burger dem Wahlversprechen – pardon, Versprecher – und die Anzeige auf der Waage Monate später dem… ja, was denn eigentlich? Richtig! Wir haben hier eine Leerstelle, die wir füllen müssen. Nur wenn wir die Versprechen unserer zukünftigen Volksvertreter:innen an der Realität messen, können wir der viel und laut beklagten Diskrepanz aus Reden und Handeln ein Ende setzen. Dafür müssen wir Menschen an die Spitzen der Parteien, Unternehmen und Organisationen wählen oder befördern, die ihre Versprechen ernst meinen. Die bereit sind, sich an ihren Versprechen messen zu lassen.

Klar sind die dafür notwendigen Strukturen ein wenig aufwendiger als im Privaten, wenn in Sekunden klar ist, ob jemand den Müll rausgebracht hat oder die Wäsche gewaschen hat. Aber klar ist auch: Wir haben keine andere Wahl. Ganz einfach, weil die Zeit, in der wir uns dem Kurzfristigen-Verlangen-System hemmungslos hingeben können, um uns über Parteizugehörigkeiten, Machtspiele und Plastikstrohhalme zu streiten, vorbei ist. Weil wir uns nicht länger medial und gedanklich damit ablenken können, wer mit wem und welche Farbkombination am wahrscheinlichsten ist.

Warum? Weil es um die Frage geht, ob es eine mittel- und langfristige Zukunft der Menschen auf diesem Planeten geben wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Maren Urner ist Professorin für Medienpsychologie und Neurowissenschaftlerin.

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