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Begehrte Knollen

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Von: Manfred Niekisch

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Das Meer hat viel zu bieten.
Das Meer hat viel zu bieten. © Owen Humphreys/dpa

Der Meeresgrund birgt Rohstoffe für die Industrie, aber auch eine fast unbekannte Lebenswelt. Die ist gefährdet, wenn die Büchse der Pandora geöffnet wird. Die Kolumne.

Genau weiß man es nicht, wie schnell ein Tropfstein wächst. Das hängt von zu vielen Faktoren ab. Aber zehn Millimeter in einhundert Jahren gilt als realistischer Mittelwert. Deshalb achten die, die durch Höhlen führen, darauf, dass niemand diese mineralischen Naturgebilde berührt und damit das Wachstum stört.

Das ist vernünftig, selbst wenn solche menschengemachten Störungen keine ökologische Katastrophe auslösen würden. Stalagmiten und Stalaktiten legen noch relativ schnell zu, wenn man sie mit Gebilden vergleicht, die auf dem Boden der Tiefsee wachsen.

Dort unten, 4000 Meter und mehr unter dem Meeresspiegel, finden sich kugelige Gebilde, die reich sind an Mangan, das den Knollen ihren Namen gab. Doch sie enthalten auch andere Metalle, darunter die sogenannten seltenen Erden, die entgegen ihrem Namen nicht Erden, sondern Metalle sind. Diese Materialien sind in der Elektronik unverzichtbar. Sie sind sehr knapp und sehr gesucht.

So weckten die Manganknollen, kaum entdeckt, sofort das Begehr der Industrie. Dumm nur, dass sie noch langsamer wachsen als ein Tropfstein. Man schätzt, dass das Erreichen von zehn Zentimeter Größe etwa eine Million Jahre dauert. Auch der größte Optimist kann da nicht von einem nachwachsenden Rohstoff fabulieren. Manganknollen wachsen nicht mit Stoffwechsel wie lebende Wesen, sondern ähnlich wie Tropfsteine durch die Ablagerung von Sedimenten.

Im Falle eines industriellen Abbaus dürfte die gesamte Unterwasserwelt auf dem Meeresgrund so stark gestört werden, dass dort nichts mehr funktioniert wie vorher. Das System dort unten ist Störungen nicht gewohnt. Größere Reparaturmechanismen hat die Evolution deswegen nicht vorgesehen.

Unterwasserbergbau würde somit das üppige tierische und pflanzliche Leben am Meeresboden gefährden. Üppiges Leben? Ja, denn gerade haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass in diesen noch weitestgehend unerforschten Regionen etwa zwei Drittel der Arten sich keiner bisher bekannten Gruppe zuordnen lassen. Feststellen konnte man dies durch Auswertung von Sequenzen der Erbsubstanz DNA, die man dem Wasser entnommen hatte. Diese moderne Methode erlaubt völlig neue Erkenntnisse. Immerhin beginnt die Forschung zu verstehen, wie wichtig der Grund der Ozeane für den CO2-Haushalt der Erde ist.

Gleichzeitig laufen Versuche, wie man den Abbau der begehrten Knollen bewerkstelligen könnte. Forschende warnen davor, die Gefahren zugunsten der begehrten Metalle und zulasten von Leben und Klima zu unterschätzen. Soll nach all den Umweltproblemen, die wir uns aus Unwissenheit oder Rücksichtslosigkeit schon eingebrockt haben, noch eine weitere Büchse der Pandora geöffnet werden?

Elektromobilität, Telekommunikation, Digitalisierung, Unterhaltungselektronik, die Welt der Halbleiter lechzt danach, mit den Bestandteilen der Manganknollen gefüttert zu werden, denn die Ressourcen im Untertagebau sind begrenzt. Aber auch die des Meeresbodens sind endlich. Und dort würden Ökosysteme zerstört werden, die essenziell sind für die vielen lebenssichernden Funktionen der Ozeane. Das können wir uns nicht mehr leisten. Daher Hände weg vom Tiefseegrund und kreativ nachhaltige Lösungen suchen. Die Zeit der zerstörerischen Ressourcenplünderung ist vorbei.

Manfred Niekisch ist Biologe und früherer Direktor des Frankfurter Zoos.

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