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Beängstigend

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Von: Anetta Kahane

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Mann mit Kippa.
Mann mit Kippa. © epd-bild/Norbert Neetz

Verdruckster Antisemitismus ist eine allgemeine Kulturtechnik geworden, in dem jedes Mittel recht ist, um das eigene Weltbild zu erhalten. Die Kolumne.

Woran erkennt man einen Verschwörungsideologen? An der Frage „Cui bono?“ – wem nutzt das. Sie unterstellt, dass jemand eine Situation inszeniert hat, um daraus eigenen Vorteil zu ziehen. Man muss also nur herausfinden, wer am meisten profitiert und schon hat man den heimlichen Strippenzieher, der „hinter allem steckt“.

Solche Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert, gehören zum antisemitischen Weltbild, nachdem hinter jedem Übel der Jude lauert und sich feixend seine Hände reibt. Heute hat man dafür für die sozialen Netzwerde sogar ein eigenes Meme, den „Happy Merchant“. Ich kenne es gut, es wird mir öfters zugeschickt.

Der Hang zu Verschwörungserzählungen hat in den letzten Jahren rasant zugenommen. Dazu beigetragen haben massive Desinformationskampagnen von Donald Trump und der Infokrieg von Wladimir Putins Trollfabriken, deren Ziel es immer war, die Demokratie zu zerstückeln. Alle diese Waffen gegen die Vernunft waren bereits scharfgestellt als dann die Pandemie kam.

Seit dem gibt es offenbar kein Halten mehr. Wissenschaft ist nur eine Meinung und Vertrauen in Institutionen gilt als Totalversagen. Auch der Krieg gegen die Ukraine wäre ohne die faschistische Propaganda Russlands kaum so möglich gewesen.

Es ist eine Kultur entstanden, durch die jede Realität so zurechtgebogen werden kann, damit sie zum eigenen Ideologiegebäude passt. Das betrifft nicht nur rechte Propaganda. Gerade lief eine Konferenz mit dem Titel „Hijecking Memory“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt, auf der aus linker Perspektive versucht wird, die Einzigartigkeit des Holocausts zu relativieren.

Dabei gilt die Aufarbeitung der Shoa und deren Besonderheit, ebenso als rechtes Projekt wie die Staatsräson Deutschlands, Israels Existenz zu schützen. Dies alles diene dazu, vereinfacht gesagt, andere, genauso schlimme Verbrechen zu ignorieren und von kolonialer Schuld abzulenken.

Cui bono? Am Ende wird stets die eine Antwort suggeriert: Israel und die Juden, die nur bösartige Motive haben können. Wer das hinterfragt, wer den speziellen Charakter des Judenmords und des Antisemitismus zu erklären versucht, ist dann schnell mal Teil rechter Propaganda.

Interessant ist auch, dass in diesem Zusammenhang die DDR als positives Beispiel der Erinnerungspolitik genannt wird. Ehrlich gesagt, kann ich es nicht fassen. Der Antifaschismus in einer Diktatur als Vorbild für kritische Aufarbeitung?

Die DDR hat eine Universalisierung der Opfergeschichte beschrieben, die bedeutet, dass im Grunde alle gleichermaßen Opfer waren, ob Wehrmachtssoldat, Zwangsarbeiterin, Ariseur oder sowjetischer Soldat. Alle haben gelitten und gewiss waren auch ein paar Juden babei.

Die einzige Ausnahme: die wenigen Bonzen um Hitler herum, die dann alle im Westen landeten. Es ist bizarr, sich heute auf dieses ideologische und zutiefst reaktionäre Narrativ zu berufen. Das war keine Aufarbeitung, sondern ein verdammter Schlussstrich unter jede Diskussion, die zu führen ohnehin nicht erlaubt war.

Verdruckster Antisemitismus ist eine allgemeine Kulturtechnik geworden, in dem jedes Mittel recht ist, um das eigene Weltbild zu erhalten. Das ist beängstigend. Ich frage mich, ob es je wieder möglich sein wird, auf die Vernunft zurückzufinden, statt auf dieses Cui bono jenseits der Realität zu setzen.

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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