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Ausweg aus dem falschen Leben: Trans Personen brauchen bessere Beratung

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Von: Joane Studnik

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Vielerorts fehlen Angebote und Anlaufstellen für trans Personen.
Vielerorts fehlen Angebote und Anlaufstellen für trans Personen, eine persönliche Begegnung mit einem Menschen, der niemanden zu einer Entscheidung drängt. (Symbolbild) © Maskot/Imago

Trans Menschen müssen mehr und besser beraten werden, damit sie ihre Identität selbst bestimmen können. Die Kolumne.

Transgeschlechtlichkeit und Sucht: Die Hamburger Beratungsstelle „4Be Trans-Suchthilfe“ bündelt zwei unterschiedliche Gesprächsangebote, was viel mit ihrer Leiterin Cornelia Kost zu tun hat.

Die Psychotherapeutin kümmerte sich jahrzehntelang um Suchtkranke. Doch inzwischen beschäftigt sie hauptsächlich die spannende Frage, warum das wahrgenommene Geschlecht mitunter nicht zu dem passt, das im Geburtenregister eingetragen wurde?

Zur Beratung kommen an diesem kühlen Mittwochmorgen trans Personen aus vielen Orten Norddeutschlands, die jüngste 17, die älteste über 50 Jahre alt. Diese unterschiedlichen Menschen sind hier, um Worte zu finden für das Unglück, in einem falschen Leben gefangen zu sein, aus dem sie sich befreien wollen.

Meist geht der Beratung eine schwere Krise voraus: Depressionen, Verzweiflung, Suizidgedanken. Manche hatten Hilfe gesucht bei Ärzten oder Psychotherapeuten. Doch vielerorts fehlen Angebote und Anlaufstellen. Finden sich Therapierende, gefallen sie sich mitunter als „gate keeper“, Türsteher der Macht, Therapien nach Gutdünken zu unterstützen oder abzulehnen.

Cornelia Kost dagegen unterstützt ihr Gegenüber in einer bewussten, selbstbestimmten Entscheidung. Céline, wie ich sie hier nenne, ist einverstanden mit meiner Teilnahme am Beratungsgespräch. Mit 50 Jahren hatte sie sich ihrer Frau gegenüber offenbart, heute geht es um körperlich-seelische Veränderungen, die Östrogen-Präparate bei trans Frauen auslösen können, etwa einen fast übermächtigen Wunsch, schwanger zu werden – ich lerne noch dazu.

Céline erwägt geschlechtsangleichende Operationen. Darauf geht Frau Kost nicht ein, verweist darauf, dass viele andere trans Personen invasive Eingriffe ablehnen. Frausein komme von innen, äußere Angleichungen können unterstützend wirken, sind aber nicht der Kern dessen, was Geschlecht ausmacht. Ich bin noch voller Eindrücke, als Kai aus Bremen eintritt. Seine Transgeschlechtlichkeit steht seit Kindertagen fest, der heute 18-Jährige vereinsamte in der Schule. Ein Therapeut verweigerte dem Kind Hormonblocker, die die weibliche Pubertät aufge-halten hätten.

Und schon überwältigt mich die nächste Begegnung. Kim aus Neumünster trägt zur Erstberatung einen geschmackvoll abgestimmten Punk-Look mit Stachelhalsband, Netzstrumpfhose unter dem karierten Rock und pink gefärbte Strähnen. Die Eltern dieser 17-Jährigen meinen, sie sei ein Junge. Blind und taub müssen sie sein.

Hätt ich mit 17 Jahren so klare Worte gefunden für das, was ich spürte? Wohl kaum. Informationen und Erstkontakte im Internet zu finden, auch das hilft heute Menschen in Not. Doch an irgendeiner Stelle auf dem Weg aus dem Unglück ist die persönliche Begegnung mit jemandem wie Cornelia Kost unverzichtbar.

Jemand, die niemanden zu einer Entscheidung drängt, Ratsuchende durch zielgenaue Fragen bei einer selbstbestimmten Entscheidung unterstützt – selbst wenn diese ein Zurück aus der Transition bedeuten könnte. Den stimmigen Punkt für sich selbst im geschlechtlichen Raum zu finden, unbeeindruckt von den Geschlechterklischees. Wenn dieser Prozess einer selbstbestimmten Entscheidungsfindung Menschen vom Unglück befreit, müsste es viel mehr Beratungsangebote wie dieses geben.

Joane Studnik ist Autorin.

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