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Aufbruchstimmung

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Von: Manfred Niekisch

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Vielleicht doch kein so gutes Zeichen: Krokusse im März.
Vielleicht doch kein so gutes Zeichen: Krokusse im März in Hamburg. © Marcus Brandt/dpa

Manche Frühlingsboten kommen unter die Räder. Andere können uns Kraft und Zuversicht verleihen.

Es kommt darauf an, welchen Bezugszeitraum man wählt. Je nachdem war der vergangene Winter ein bisschen zu warm oder deutlich zu warm. Auf jeden Fall lagen seine Temperaturen mal wieder über dem Durchschnitt vergangener Zeiten. Und auch für den anbrechenden Frühling und die Folgezeit prognostiziert uns die Meteorologie schon jetzt Celsiusgrade über dem Mittel vergangener Jahre.

Das muss uns eigentlich mit Sorge erfüllen, denn es ist Ausdruck der Klimaerwärmung. Ein Blick aus dem Fenster in den sonnigen März wird dennoch nicht als bedrohlich empfunden. Warum auch? Schließlich ist das, was wir täglich draußen sehen, das Wetter, und das ist etwas anderes als das Klima.

Sonnenschein hebt, welch uralte Erkenntnis, die Stimmung, ganz im Unterschied zu einem verregneten Tag. Und im März gibt es für alle, egal ob sie in der Stadt oder auf dem Land wohnen, reichlich Frühlingsboten, die Freude machen.

Die Rufe ziehender Kraniche, bunte Krokusse, die durch die Grünflächen der Parks brechen, Weidenkätzchen, die frühes Futter für Bienen und Hummeln bieten, Vogelgezwitscher, die ersten Schmetterlinge, selbst die ewig gleichen Stiefmütterchen auf den Inseln inmitten des Kreisverkehrs vermitteln, dass nun die Zeit beginnt, in der das Leben aus dem grauen Winterschlaf erwacht.

Andere Frühlingsboten sind weniger auffällig beziehungsweise wenig erfreulich, wenn sie denn wahrgenommen werden. Dazu gehören zuvorderst all die Erdkröten und Grasfrösche, die auf ihren alljährlichen Wanderungen aus den Winterquartieren in die Laichgewässer plattgefahren auf den Autostraßen kleben. Will man es mit gerechten Augen sehen, müssten sie absolute Vorfahrt genießen, denn ihre Zugwege sind viel älter als die Asphaltbänder, die ihren Lebensraum zerschneiden.

Der verkehrsbedingte Massentod ist eine Folge der Biologie der Tiere. Erdkröte und Grasfrosch sind Explosivlaicher. Das klingt fast martialisch. Uninformierte Menschen könnten dazu verleitet werden, in diesen Tieren eine Dynamik zu vermuten, die im Gegensatz zu ihrem versteckten nächtlichen Leben steht.

Dabei meint der Begriff lediglich, dass alle Individuen einer Population gleichzeitig und in kürzester Zeit und in Massen aus ihren Überwinterungs-Verstecken zu den Gewässern wandern, wo sie sich paaren und ihre Eier ablegen wollen. Wollen oder würden, je nachdem, ob sie es bis in den Teich schaffen. Das Ende unter den Autoreifen hat er- heblich dazu beigetragen, dass auch einst häufige einheimische Lurcharten weiträumig bedroht sind.

Inzwischen schützen mancherorts Leitzäune entlang der Straßenränder und Krötentunnel diese Wanderzüge und verhindern weitere artgefährdende Gemetzel. Weil sie vor allem nachts und bei Regen auf Wanderschaft gehen, werden es Kröten wohl nie dazu bringen, von der bundesdeutschen Allgemeinheit als fröhliche Boten des Frühlings interpretiert zu werden.

All die bunten Blüten, summenden Insekten, singenden Gefiederträger, denen der vielbesungene Lenz jetzt Leben und Schwung verleiht, helfen dabei, uns von der Aufbruchsstimmung in der Natur inspirieren und anstecken zu lassen.

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