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Flughafen Frankfurt: Steigende Ticketpreise sind Teil des unweigerlich Notwendigen

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Von: Michael Herl

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Am Frankfurter Flughafen herrscht wieder reger Betrieb.
Viel hat sich in der Luftfahrt geändert. © Renate Hoyer

Die Zeit der stolzen Luftfahrt und der Billigtickets ist vorbei. Und das ist gut so. Denn wir müssen viel ändern – auch beim Fliegen. Die Kolumne.

Frankfurt - Eigentlich darf ich das ja gar nicht schreiben. Könnte halt ein wenig peinlich werden. Dabei habe ich prinzipiell kein Problem damit, Schwäche zu zeigen. So macht es mir gar nichts aus, wenn bei bestimmten Gelegenheiten ein paar Tränchen aus meinen Äuglein kullern. Etwa bei dem Film „Casablanca“.

Nee, nicht bei der Szene auf dem Flugplatz. Da heult ja jeder. Mich hingegen nimmt es immer mit, wenn die Horde Nazis in Rick’s Café „Die Wacht am Rhein“ brüllt. Fürchterlich. Dann aber intoniert die Hausband auf Anweisung des Widerstandskämpfers Victor László und unter billigendem Kopfnicken Ricks die Marseillaise.

Einige Gäste singen mit, es werden immer mehr, schließlich singt das ganze Lokal die Nazis in Grund und Boden. Die Kamera zeigt nah die Gesichtsausdrücke der Singenden, sie strahlen Entschlossenheit aus, Mut und Solidarität. Da kriege ich verlässlich feuchte Augen.

Frankfurter Flughafen: Die Zeit der stolzen Luftfahrt ist ein für alle Mal vorbei.

Aber es geht auch eine Nummer kleiner. Es muss nicht immer Hollywood sein. Manchmal reicht auch der Hessische Rundfunk. Unlängst etwa. Es lief eine Folge der Doku-Reihe „Mittendrin“, wo sie Menschen begleiten, die am Frankfurter Flughafen arbeiten. Dieses Mal einen Kapitän auf seinem letzten Flug nach einer jahrzehntelangen Karriere bei der Lufthansa.

Er kam von irgendwo weit her, wurde schon im Anflug auf Frankfurt vom Tower begrüßt und auf dem Rollfeld schließlich von seiner Familie und einer riesigen Horde Kolleginnen und Kollegen. Es war so ergreifend, den Mann mit den Tränen kämpfen zu sehen, dass ich gerade mitheulte.

Als sie dann noch sagten, dass auch die Maschine, eine Boeing 777, außer Dienst gestellt wird, heulte ich sogar noch um ein Flugzeug. Verstehen Sie nun, warum ich anfangs dachte, dies könne ein wenig peinlich werden?

Alle Flugzeuge verschrotten und alle Airports planieren

Ich weiß aber, warum mich das so bewegte. Weil gerade eine Ära unabänderlich zu Ende geht. Die Zeit der stolzen Luftfahrt ist ein für alle Mal vorbei. Und obwohl ich mittlerweile der Erste bin, der am liebsten alle Flugzeuge verschrottet und alle Airports planiert sähe, umfängt mich Wehmut.

Denn ich bin viel geflogen, und ich bin gerne geflogen. Mein Job trieb mich in nahezu alle Teile der Welt. Es war zu einer Zeit, als man noch richtig viel Platz hatte im Flieger. Als es noch lecker zu essen gab und Wein und Whisky und Tomatensaft, so viel man wollte.

Als schon kurz nach dem Abheben ein Gong ertönte und das „No smoking“-Schild erlosch. Als Flugbegleiterin und Flugbegleiter noch ein gut bezahlter und angesehener Beruf war. Und als Fliegen noch richtig Geld kostete und nicht zu Billigpreisen verramscht wurde.

Frankfurter Flughafen: Streiks befürworten

Das alles ist vorbei – und das ist auch gut so. Wir müssen gerade in vielen Bereichen unseres Lebens viel ändern, denn so konnte es schon lange nicht mehr weitergehen. Deswegen ist nun auch der wahrscheinlich bevorstehende Streik der Lufthansa-Pilotinnen und -Piloten nur zu begrüßen.

Denn es geht da nicht nur um eine schnöde Gehaltserhöhung, sondern um die Arbeitsbedingungen generell und darum, die Branche vor dem vollständigen Absturz in die Schmuddelecke der Billigheimer zu bewahren. Denn nur so ist ein verantwortungsvoller und umweltschonender Flugbetrieb möglich. Dass dann die Ticketpreise kräftig steigen, ist Teil des unweigerlich Notwendigen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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