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Auf unsere Kosten

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Von: Johannes Dieterich

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Die Wirklichkeit ist mitunter komplizierter als ihr digitaler Niederschlag. Andererseits: Schneller geht‘s schon.
Die Wirklichkeit ist stets komplizierter als ihr digitaler Niederschlag. © Javier De La Torre/Imago

Einst konnte man im Amt auf den Tresen schlagen, wenn die Rechnung nicht stimmte. Heute beißen wir uns vor dem Computer auf die Unterlippe. Die Kolumne.

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie viel unbezahlte Arbeit Sie inzwischen für Privatfirmen verrichten, die auf diese Weise Kosten einsparen? Oder für den Staat, der Ihnen dafür keine Steuern erlässt?

Ich zumindest verbringe immer längere Strecken meines Tages am Computer, um Dinge zu erledigen, die einst Andere erledigt haben: Sie wurden inzwischen überflüssig gemacht. Zum Beispiel Flüge buchen. Oder ein Visum beantragen. Oder von der Steuerbehörde einen Persilschein ausgestellt bekommen. Oder mit dem Kurierservice ein Päckchen verschicken. Oder ein Ersatzteil für die Kaffeemaschine bestellen. Oder Geld überweisen. Oder, oder, oder.

Heute hat jeder Dienstleister seine Website und die dreisten unter ihnen haben nicht mal mehr ein Telefon. Das hat den Vorteil, dass Sachbearbeiter nicht mehr aus dem Schlaf geklingelt werden müssen, falls es sie überhaupt noch gibt. Denn heute sind wir die Sachbearbeiterinnen und Sacharbeiter. Natürlich freuen sich der Konsument und die Konsumentin darüber, dass sie ihre Zeit nicht mehr in der Bank, dem Finanzamt, Reisebüro oder Konsulat vergeuden. Aber die Zeit, die sie zu Hause verbringen, um die Effizienz der Dienstleistungsunternehmen zu steigern, misst keiner.

Am schlimmsten sind wie immer die Fluggesellschaften. Für sie ist mittlerweile selbstverständlich, dass Kundinnen und Kunden ihr Ticket online buchen – und wenn sie den Flugtermin ändern wollen, machen sie das ebenfalls selbst. Und zahlen trotzdem eine deftige Summe an Umbuchungsgebühr. Keine Ahnung, wann ich zuletzt eine Bank von innen gesehen habe – in diesem Jahr jedenfalls nicht. Und trotzdem gehen die Gebühren der Geldinstitute (zumindest hier in Südafrika) nur in die Höhe und nie nach unten.

DHL hat einen imposanten mehrsprachigen Online-Auftritt, der der globalen Vernetzung des Kurierservices entspricht. Doch wenn das Päckchen auch fünf Tage nach dem genannten Termin nicht angekommen ist, kann keine Nummer angerufen, höchstens eine Beschwerde-E-Mail geschrieben werden. Die wird einen Tag später von einem Bot beantwortet: „Sie können Ihre Sendung auf unserer Webseite verfolgen“, sagt der künstliche Intelligenzbolzen. Die Website sagt, das Päckchen sei längst angekommen. Als der Nachbar zwei Wochen später aus dem Urlaub kommt, stellt sich heraus, dass der Austräger die Sendung auf dessen Balkon geworfen hat. Die Wirklichkeit ist stets komplizierter als ihr digitaler Niederschlag.

Einst konnte man im Postamt auf den Tresen schlagen, wenn die Telefonrechnung nicht stimmte – in Südafrika wird es bald überhaupt keine Postämter mehr geben. Wegen der Erhöhung von Fahrkartenpreisen kam es im Apartheidstaat regelmäßig zu Aufständen.

Heute beißen wir uns vor dem Computer auf die Unterlippe, wenn das Ticket wieder teurer wurde. Während Gewerkschaften rapide an Mitgliedern verlieren, entsteht partout kein schlagkräftiger Konsumentenverband, der sich um unsere Ausbeutung kümmern könnte. Dass es jemals einen geben wird, ist unwahrscheinlich.

Denn jetzt gibt es das Metaverse. Dort werden wir vollends in die (virtuelle) Geschäftswelt eingewickelt – von Leuten wie Mark Zuckerberg durchleuchtet, manipuliert und ausgenommen. Zehn Milliarden Euro steckt der US-Nerd jährlich ins Metaverse. Von wem er das Geld hat? Von uns, den Konsumentinnen und Konsumenten.

Johannes Dieterich berichtet für die Frankfurter Rundschau aus und über Afrika

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