Attila Hildmann: Steht doch alles im Internet
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Attila Hildmann: Steht doch alles im Internet

Kolumne

Zu Besuch bei Attila Hildmann: Hamburger mit Humbug beim Verschwörungstheoretiker 

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Was man zu hören bekommt, wenn man aus Versehen einen veganen Imbiss beim rechten Fantasten Attila Hildmann bestellt.

Am besten, man ignoriert diese Spinner. Vielleicht haben sie zu viel Science-Fiction gelesen, so dass sie nun derart Gefallen an Fantastereien über zu unser aller Fernsteuerung eingepflanzte Mikrochips finden. Aber mein Vorsatz, mich rauszuhalten, ist hin, je mehr Wortfetzen ich aufschnappe. „Corona, eine leichte Grippe … Alles aufgebauscht … Bill Gates und die Rothschilds stecken dahinter …“

Es reicht! Wo bin ich bloß gelandet? Wie sich herausstellt, im Vegan-Imbiss von Attila Hildmann, dem Guru kruder Verschwörungstheorien. Seinen aufs Schaufenster gepinselten Namen habe ich glatt übersehen, als ich mir unterwegs in Berlin-Charlottenburg ausgerechnet hier ein Take-away-Gericht bestelle.

Gäste bei Attila Hildmann: Dem Idol sind sie ergeben

Zur Strafe hocke ich auf der Wartebank zwischen Ernährungsaposteln, die Veggie-Burger mampfen, während der „Chef“ die konspirative Sauce dazu liefert. „Sorry“, platzt es aus mir raus. „Aber was Sie über Corona und angebliche Drahtzieher verzapfen, klingt nicht nur ziemlich idiotisch, sondern auch antisemitisch.“

Aller Augen starren mich an. Zustimmung nirgends. Die versammelte Gästeschar eint offenbar die Auffassung, Covid-19 sei ein perfides Geschäftsmodell, ausgeheckt von der WHO und ihrem Großfinanzier Bill Gates, um sich die Welt per Impfstoffen untertan zu machen. Als „Besitzer der Weltbank“ verdiene die jüdische Rothschild-Familie kräftig mit, doziert ihr Idol.

Attila Hildmann hat Beweise im Smartphone - frisch aus dem Internet

„Recherchieren Sie mal“, hält mir Humbug-Führer Attila Hildmann sein Smartphone vor die Nase, „steht alles im Internet. Unter KenFM und ID2020 finden Sie die Wahrheit“. – „Ist doch von seriösen Medien längst widerlegter Unfug“, wende ich entnervt ein. „Wie naiv“, erregt sich eine bekennende Impfgegnerin.

Zu Hause ist mir der Appetit vergangen, das Fake-Sushi landet in der Tonne. Dafür ziehe ich mir im Computer den empfohlenen Schwachsinn rein und googele nach Ratgebern zu seiner Entlarvung. Ob allerdings „Psychotricks für den Umgang mit Verschwörungstheoretikern“ weiterhelfen? Die überlasse ich mal lieber Therapeuten.

Attila Hildmann: Wirre Ideen, obskure Esoterik

Verfechtern wirrer Ideen zunächst möglichst neutral zu begegnen, um sozusagen nach dem Warmwerden an konkreten Punkten Zweifel zu streuen, ist mir wiederum zu pädagogisch. Ich hätte gerne etwas, das die konspirativen Konstruktionen rechter Ideologen und obskurer Esoteriker mit ein paar schlagkräftigen Argumenten zum Einsturz bringt.

Leider funktioniert’s so nicht. Erst recht nicht in Pandemie-Zeiten, in denen schon immer Minderheiten als Sündenböcke dienten. Im Mittelalter war es die wahnhafte Idee, jüdische Brunnenvergifter hätten die Pest verbreitet. Heutzutage kursieren selbst im Mainstream Hirngespinste, das neue Coronavirus sei eine Machenschaft profitgieriger Globalisten.

Attila Hildmann: Wer ihn infrage stellt, ist Handlanger der Verschwörung

Mit Fakten lässt sich solche Desinformation a la Attila Hildmann nicht erschüttern. Dagegen sind geschlossene Weltbilder immun. Wer sie infrage stellt, ist für ihre Anhänger ein Handlanger der Verschwörung. Ich googele weiter, stoße auf kluge Erkenntnisse wie die, dass Konspirationstheorien der Fangemeinde eine Art Ausgleich für den empfundenen Kontrollverlust bieten. Das wohlige Gefühl, einem exklusiven Kreis von Gesinnungsfreunden mit dem wahren Durchblick anzugehören, sei ein zusätzlicher Reiz.

Das kennen wir doch noch von K-Gruppen, von Sekten und Fundis aller Sorten. Diskutieren zwecklos. Gegenhalten trotzdem nötig. Aber beim nächsten Mal stelle ich es schlauer an. Wie, weiß ich noch nicht. Vielleicht hätten Sie da einen Rat?

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