1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Artenschutz: Leben auf Sand gebaut

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Manfred Niekisch

Kommentare

Die UN warnen vor dem massiven globalen Abbau des winzigen Gesteins – nicht nur, weil es der Lebensraum für viele Tierarten ist. Die Kolumne.

Genf – Fabelhaft wäre es, wenn Tiere eine Lobby bilden könnten. Dann müssten sich spätestens jetzt die Vertreter:innen der Sandflöhe, Sandrennnattern, Sandflughühner, Sandwespen und Co. zusammenrotten und auf die Barrikaden gehen. Denn was sie verbindet, ist ihr Leben im Sand. Und der steht jetzt schon zum zweiten Mal im Blickpunkt eines Berichtes des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Unep. Schon 2019 rief Unep zu einem Dialog auf. Dieser Bericht sollte Schluss machen mit der Vorstellung, Sand sei eine unerschöpfliche Ressource, sei einfach da und könne überall und dauernd abgebaut werden. Sand gibt es eben nicht wie Sand am Meer. Doch nichts ist passiert seitdem.

Artenschutz und Umweltkrise durch Sandabbau: Tieren im Sand sind gefährdet

Der soeben erschienene zweite Report zum Thema ist noch eindringlicher und warnt vor der gewaltigen Umweltkrise, die der völlig ungeregelte Sandabbau weltweit heraufbeschwört. Veränderungen der Küstenlinien, Zerstörung der Mangroven und daraus folgend die Bedrohung für Siedlungen und Menschen an den Ufern von Flüssen und Meeren, Verluste wertvoller Habitate sind nur einige der jetzt schon manifesten Folgen. So drückt im Delta des Mekongflusses das Meerwasser immer weiter in die ständig tiefer sinkenden Ländereien, die Böden versalzen und werden unbrauchbar für Landwirtschaft. Es ist kein absurdes Szenario, dass dort, wo einst Reis wuchs, sich Salzwasserkrokodile tummeln.

Sand ist eine der meist genutzen Ressourcen der Welt. Darunter leiden vor allem die Lebewesen im Sand.
Sand ist eine der meist genutzten Ressourcen der Welt. Darunter leiden vor allem die Lebewesen im Sand. © Frank Rumpenhorst

Lebensraum von Tieren im Sand gefährdet: Sand wird knapp

Für die sich eingrabenden Sandaale ist der Verlust des Bodensubstrates ein Problem wie für die gesamte Lebewelt, die unter Wasser oder an Land ihre sandige Heimat verliert. Da gehören zur fiktiven Lobby auch die Sandfische, die im Gegensatz zu den Sandaalen gar keine Fische sind. Es sind Echsen, die in den feinsandigen Dünen Nordafrikas regelrecht im Sand schwimmen. Extrem glatte Schuppen und eine schaufelförmig aufgeworfene Nase machen es möglich. Dazu gehört die spezielle Konsistenz des Sandes. Es sind sehr feine, vom Wind geschliffene Körner. Solcher Wüstensand taugt aber genau deswegen nicht als Bausand, da er einfach zu wenig Stabilität im Betonbau bietet. Damit wird deutlich: Sand ist nicht gleich Sand und die Verwendungen der verschiedenen Sände sind unterschiedlich und vielfältig.

Artenschutz: Sand eine der meist genutzten Ressourcen der Welt

Schließlich ist Sand in seinen diversen Ausprägungen nach Wasser mengenmäßig die am meisten genutzte Ressource der Erde. Was haben wir nicht alles aus Sand gebaut. Und allzu oft auf Sand gebaut. Siedlungen, Atomkraftwerke, Staudämme und all die anderen massiven Betonbauten verschlingen Sand und fressen Fläche.

Künstlich aufgeschüttete Sandstrände nicht nur an manch tropischer Küste, sondern auch im Zentrum deutscher Großstädte sollen ein Urlaubsgefühl vermitteln, wo es natürlicherweise nicht entstehen würde. Ein bisschen Überlegung, dass der Sand irgendwo herkommen muss, wo er jetzt fehlt, etwa beim Küstenschutz oder in artenreichen Biotopen, würde die Freude an solchen Stränden, die eigentlich keine sein sollten, stören. Es käme Sand ins Getriebe der Industrie. Die mächtige Bau- und Bergbaulobby zeigt folglich keinerlei Interesse, aus den Warnrufen von Unep ernsthafte Initiativen abzuleiten.

So steht zu befürchten, dass die Aufrufe des Unep-Berichtes einfach im Sande verlaufen. Es wäre nicht das erste Mal. (Manfred Niekisch) Elfenbeinhandel: Jagd auf Elefanten hat Genmanipulation zur Folge

Auch interessant

Kommentare