1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Artenschutz: Schlitzrüssler, Panda & Co.

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Manfred Niekisch

Kommentare

Bedroht: Ein Panda-Baby.
Bedroht: Ein Panda-Baby. © dpa/(Symbolbild)

Die Konferenz zum Artenschutz in Kanada muss viel mehr erreichen als den Schutz einzelner Arten. Es geht um die Lebensräume. Sonst ist die Biodiversitätskrise nicht aufzuhalten. Die Kolumne.

Immerhin kommt es recht nett daher, das schöne Wort „Artenschutzkonferenz“. Klingt doch viel gefälliger als die technisch korrekte Bezeichnung „15. Vertragsstaatenkonferenz zur Konvention über Biologische Vielfalt“. So kursiert eben dieser anschauliche Begriff. Es sind so viele Arten, die vom Aussterben gerettet werden müssen. All die Tiere und Pflanzen, von denen wir wissen, dass sie bedroht sind. Auch all die, deren Bedrohungszustand wir nicht kennen. Und dann noch die weitaus größte Zahl der Arten von Lebewesen, von deren Existenz wir noch gar nichts wissen.

Noch nichts wissen? Vielleicht ist „noch“ hier das falsche Wort, denn es suggeriert, dass wir irgendwann von ihrer Existenz erfahren. Viele werden aber ausgestorben sein, bevor man sie überhaupt entdeckt, also wissenschaftlich beschrieben hat. Die erwischt man mit keinem Artenschutzprogramm, und die meisten anderen auch nicht. Manche haben Glück, denn: Sie kommen in einem Lebensraum vor, der wegen einer oder mehrerer Arten besonderen Schutz genießt. Solche Schirm-Arten sind etwa Gorillas, Elefanten, Nashörner. Von ihrem Schutzschirm profitieren ungezielt auch andere.

Eine gute Schirmart wäre auch der Kubanische Schlitzrüssler, denn er ist hoch gefährdet und lebt in schützenswerten Wäldern. Allerdings kann er kaum als Aushängeschild für irgendwelche Schutzmaßnahmen taugen. Und für ihn Spenden einzuwerben, dürfte Erfolge erst sehr weit hinter dem Großen Panda erwarten lassen. Dieser langweilig schwarz-weiß gefärbte Vielschläfer wurde schlechthin zum Symboltier des Artenschutzes. Da kann der Schlitzrüssler nicht mithalten, schon wegen seines Namens nicht. Dazu sieht er aus wie eine räudige Ratte, mit entsprechend unsympathischem Schwanz. Seine Augen sind klein und er soll ziemlich unangenehm riechen. Nachtaktiv ist er auch noch, man kennt fast nur überfahrene Exemplare. All diese Eigenschaften sind aber irrelevant, wenn es um die Beurteilung der Schutzbedürftigkeit geht.

Wie auch immer, den endlich notwendigen Durchbruch erreichen wir nur über die großräumige Sicherung von natürlichen Biotopen und Ökosystemen. In der Tat geht es bei COP 15 um einen weit größeren und breiteren Ansatz als um einzelne Arten. Es geht um den Schutz von Lebensräumen mit ihren Lebensgemeinschaften. Bis zum Jahr 2030 sollen 30 Prozent aller Meeres- und Landflächen unter Schutz gestellt werden. Groß gedacht. Aber viele indigene Gemeinschaften haben die berechtigte Sorge, damit überrumpelt zu werden. Das darf nicht passieren, zumal deren Gebiete in aller Regel weit besser erhalten sind als alles drum herum. Die Großindustrien der Landwirtschaft und Fischerei werden es sich kaum gefallen lassen, dass man ihnen ihre „Nutzflächen“ spürbar einschränkt. Der Zoff ist vorprogrammiert.

Heftig gestritten werden wird auch darüber, wie mit genetischem Material von wildlebenden Lebewesen künftig umgegangen wird. Viele Länder des Globalen Südens wollen, dass Schluss ist mit deren freier Verfügbarkeit. Recht haben sie, aber westliche Länder wollen ihre Industrien schützen. Woher die vielen Milliarden kommen sollen, die gebraucht werden, um degradierte Lebensräume von den Wäldern bis zu den Korallenriffen wieder herzustellen, ist nur einer der vielen Streitpunkte ums Geld. Der Ernst der Lage zwingt eigentlich zum Erfolg. Die Konferenz wird zeigen, wer das noch nicht begriffen hat.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Auch interessant

Kommentare