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Neuartige antisemitische Phänomene erregen Besorgnis.

Diskriminierung

Antisemitismus: Neue Facetten des uralten Übels beunruhigen

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Die Debatte über Antisemitismus verlangt Widerspruch gegen Pauschalurteile über jüdische und andere Minderheiten. Die Kolumne.

Es goss wie aus Kübeln an jenem Abend, letzten Winter in Jerusalem. Die paar Hundert Besucher, die zur Diskussion über „Antisemitismus heute“ ins Van-Leer-Institut eilten, holten sich allesamt nasse Füße. Aber das war’s wert. Das Podium war hochkarätig besetzt. Darunter die brillante Soziologin Eva Illouz, Moshe Zimmerman als eloquenter Experte für deutsche Geschichte, ein arabisch-israelischer Wissenschaftler und dazu eine Rabbinerin aus London.

Kurzum, die Debatte geriet zu einer Sternstunde der freien Rede über ein verfängliches Thema, wie sie andernorts nur schwer möglich ist. Ich saß mit feuchten Socken im Publikum und wünschte sehnlichst, einige der von deutscher Regierungsseite bestellten Vorkämpfer gegen Antisemitismus wären mit zugegen gewesen.

Können Antisemitismus und Zionismus in einer Person vorkommen?

Vermutlich hätten sich ihnen die Nackenhaare aufgestellt, vielleicht hätten sie auch dazugelernt. Etwa als Moshe Zimmerman die per Bundestagsbeschluss abgesegnete „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ verriss, weil viel zu schwammig formuliert, um zu entscheiden, wie weit Kritik an israelischer Politik gehen darf und wann sich dahinter antisemitische Stimmungsmache verbirgt.

Oder als Eva Illouz neuartigen Phänomenen nachspürte, die in keine Schublade passen. Wie zum Beispiel ihre frappierende Erkenntnis, „dass Antisemitismus und Zionismus in einer Person koexistieren können“. Festgemacht an Donald Trump, der Nachsicht angesichts des Aufmarschs aggressiver Nationalisten walten lässt. Der US-amerikanische Juden, die die Demokraten unterstützen, als „illoyal“ hinstellt – ein gängiges Klischee von Antisemiten. Der sich aber gleichzeitig als größter Unterstützer Israels geriert.

Noch erstaunlicher ihre Beobachtung aus Paris, wo ausgerechnet ein Mitglied der rechtsextremen Front National den Angriff auf Moslems, die sich aus Protest gegen Islamophobie einen gelben Judenstern angeheftet hatten, wie folgt rechtfertigte: Es sei doch skandalös, wenn moslemische Demonstranten sich mit den Juden in den Dreißiger Jahren verglichen. Wer instrumentalisiert da wen?

Zahlen rechter Hasskriminalität steigen

Hinterfragt wurden noch weitere hochproblematische Tendenzen: Etwa die Neigung mancher Palästinenser und europäischer Radikallinker, die israelische Besatzung mit Nazi-Gräueltaten zu vergleichen. Aber auch das Schweigen von Premier Benjamin Netanjahu angesichts des Vorwurfs ungarischer Juden an Viktor Orban, im Umgang mit NS-Kollaborateuren Weißwäscherei zu betreiben. Beider Freundschaft tat das keinen Abbruch.

Antisemitismus ist ein uraltes Übel mit einem ganzen Fächer neuer Facetten. In dessen Schatten sind die Fallzahlen vor allem rechter Hasskriminalität eklatant gestiegen. So richtig und wichtig der laufende Diskurs ist, was Antisemitismus ist und was nicht – nötig ist auch, dabei über den deutschen Tellerrand zu schauen, statt sich vornehmlich auf die gegen Israel gerichtete Boykottbewegung BDS zu kaprizieren. Ich selbst übrigens halte deren Non-Normalisierungskampagne für kontraproduktiv im Sinne einer Nahost-Friedenslösung. Aber nicht für ein antisemitisches Sammelbecken.

Machen wir es uns nicht zu leicht. Die Debatte über das A-Wort ist keine intellektuelle Übung. Sie verlangt genaues Hinschauen und Widerspruch gegen jegliche Art von Pauschalurteilen über jüdische und andere Minderheiten. Auch wenn sie nicht ins politische Konzept passen. (Inge Günther)

Warum schwanken die Deutschen zwischen Unterwürfigkeit und überzogener Kritik, wenn es um Israel geht? Und gibt es ein Zaubermittel gegen Antisemitismus? Ein Gespräch mit Cilly Kugelmann und Wolf Iro.

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