Liebe Angela Merkel, auch dieses letzte Jahr wird rum gehen, irgendwie
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Liebe Angela Merkel, auch dieses letzte Jahr wird rum gehen, irgendwie.

Kolumne

Wie kann es nach der Merkel-Ära weitergehen?

  • vonRichard Meng
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Das letzte Jahr von Bundeskanzlerin Angela Merkel ist eines der schwersten ihrer 16-jährigen Kanzlerschaft. Kandidaten für ihr Erbe gibt es einige. Die Kolumne.

Herzliches Beileid, liebe Angela Merkel. Sehr viel anstrengender und ungewisser hätte das letzte Regierungsjahr nicht ausfallen können, das in diesen Tagen beginnt. Im Inland wird alles bei der Kanzlerin abgeladen, bis hin zu den Lehrerlaptops braucht es Gipfeltreffen. In der EU (siehe Belarus, Flüchtlinge oder Griechenland/Türkei) geht ohne die Ratspräsidentin Merkel gar nichts. Und die Potentaten von Putin bis Trump nerven täglich mit ihren zynischen Machtegos.

Am schlimmsten ist wohl, dass nun von Tag zu Tag unsicherer wird, wer nachfolgen wird nach der Bundestagswahl Ende September 2021. Weil sich herausstellt, wie schlecht es um das Personalangebot bei der Union bestellt ist. Na klar, das spürt frau im Kanzleramt längst, aber zum Handeln ist es zu spät. Mag der Partei auch langsam dämmern, dass ihre demoskopische Lage bislang weitaus besser ist als die realen Aussichten.

Aspiranten für Merkel-Nachfolge: So richtig überzeugt niemand

Von den drei Aspiranten für den CDU-Vorsitz überzeugt niemand. Armin Laschet aus Nordrhein-Westfalen zieht bei den Menschen nicht. Zu pomadig, zu kleingestrickt, kein Charisma. Nun kann man einwenden, Olaf Scholz von der SPD sei auch kein Motivator. Aber bei der Union ist Persönlichkeit alles, es gibt ja sonst (programmatisch) nicht viel. Friedrich Merz hat sich deshalb mit Blick auf die im Dezember entscheidenden Delegierten an die Favoritenrolle ranarbeiten können – umso schlimmer.

Bei ihm denken sie an der Basis: Endlich mal wieder einer, der so redet, wie die CDU früher immer war. Altbacken wirtschaftsliberal, klare Feindbilder, gehobenes Altherrenniveau. In der SPD wurde personell schließlich auch für die Nostalgievariante gestimmt. Mit Merz ließe sich die Kernkundschaft ansprechen. Freiheit statt Sozialismus – oder so ähnlich. Und nebenbei wäre sogar die Männerwelt wieder, wie sie mal war.

Aber Merz dementiert durch seine ganze Art das, was in 15 Jahren Merkel gewachsen ist, nicht zuletzt an Vertrauen in der Breite der Gesellschaft. Er holt vielleicht polarisierend ein passables Prozentergebnis, aber er würde schwerlich koalitionsfähig sein, selbst wenn er nun bald kräftig grün blinken wird.

Merkel-Nachfolge: Rot-rot-grün kann sich Merz nur wünschen

Rot-rot-grün kann sich so einen nur wünschen. Wobei eines in seinem Fall doch keine Frage wäre: Ist er erst mal CDU-Chef, wird er auch die Kanzlerkandidatur haben wollen und bekommen. Bei diesem Gedanken verstärken sich in der CDU nun von Tag zu Tag die Bauchschmerzen.

Die CSU ist klug genug, ihren strammen Markus nur anzubieten, wenn er gerufen wird. Es gibt deshalb schon Leute in der CDU, die deshalb den aussichtslosen Norbert Röttgen zum Chef wählen wollen, weil der als einziger bereitwillig nach Nürnberg zu Söder fahren würde.

Aber wäre das die Art Führung, die nach der Merkel-Ära nottut? Zumal auch der Held aus Bayern hinter seinem weiß-blauen Mundschutz von Corona-Woche zu Corona-Woche blasser aussieht. Erfolge neben all der Selbstdarstellung? Kaum. Wie man es dreht und wendet: Hinter Merkel ist Tristesse. Teils aus offen erkennbarer Schwäche, teils noch überdeckt mit antrainierter Überheblichkeit. Aber abwarten, um zu sehen, wer sich coronapolitisch am besten schlägt, geht nicht. Das erweist sich erst im nächsten Jahr, entschieden werden muss vorher.

Die Kanzlerin ist ohne Handlungschance in der zentralen Frage nach der künftigen Führung. Vielleicht ist es da nervenschonend, vor lauter nationaler und internationaler Gipfelei keine Zeit zum Grübeln zu haben. Liebe Angela Merkel, auch dieses letzte Jahr wird rum gehen, irgendwie. Dem Ende wohnt selten ein Zauber inne. Diesem Ende eher ein Fluch.

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