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Ampel ohne gelb

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Von: Michael Herl

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Man sollte nur daran denken, dass die mittlere Farbe einer Ampel weder Anhalten noch Losfahren anzuordnen hat. Sie soll lediglich beraten. Es ginge aber auch ohne.
Man sollte nur daran denken, dass die mittlere Farbe einer Ampel weder Anhalten noch Losfahren anzuordnen hat. Sie soll lediglich beraten. Es ginge aber auch ohne. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Zwei Drittel der Koalition tut das Beste, das in der jetzigen Situation machbar ist. Der dritte Teil sollte lediglich beraten. Es ginge aber auch ohne. In diesem Falle sogar besser. Die Kolumne.

Eigentlich ist unser Kanzler ja ein drolliges Bürschchen. Ähnlich wie seine Vorgängerin sagt er lange nichts – und dann immer noch nichts. Dann aber, anders als seine Vorgängerin, lässt er plötzlich Überraschendes aus seinem Munde purzeln.

Bedürfte es eines Beweises, lasse man sich nur mal das Wort „Doppelwumms“ auf der Zunge zergehen. Doppelwumms. Ein Wort, ein Mann. Aber warum benutzt er es, wenn er eigentlich nur sagen möchte, was für ein toller Kerl er ist, weil unter seiner Führung die Regierung dem Volke beim Wuppen der hohen Energiepreise hilft.

Man kann es nur erahnen. Vermutlich hat es etwas mit Volksnähe zu tun oder wie auch immer ein verschlossener Norddeutscher es nennt, wenn er den Eindruck vermitteln möchte, einer von uns zu sein. Dabei soll er ja gar keiner von uns sein (ganz im Gegenteil; ich fände es fürchterlich, wenn „wir“ Kanzler wären), sondern ein Staatsmann.

Und für den sollte doch ein Wort wie Wumms bäbä sein, Doppelwumms erst recht. Doppelbäbä. Da hätten wir ja gleich Dieter Bohlen wählen können. Helmut Schmidt jedenfalls hätte so etwas nie gesagt. Aber das waren ja auch andere Zeiten.

Apropos andere Zeiten. Olaf Scholz kann nämlich auch anders. Sprach er doch bereits im Februar anlässlich der Invasion Russlands in der Ukraine bemerkenswert weitsichtig von einer „Zeitenwende“. Die Welt sei danach nicht mehr dieselbe Welt wie davor. Zeitenwende. Welch‘ großes Wort. Dieses Mal tatsächlich, so ganz anders als Doppelwumms – jedenfalls klingt es bedeutend epochaler.

Aber war sich der Kanzler der Tragweite dieser Äußerung bewusst? Wenn ja, welcher Tragweite? Wusste er, wie recht er hat und wenn ja, womit eigentlich? War ihm klar, wie staatsmännisch sein Weitblick war? Und wenn, was mit „staatsmännisch“ überhaupt gemeint sein könnte?

Oder wollte Scholz nur irgendeinen Anschein erwecken? Sollte es so gewesen sein, welchen denn? Oder überhaupt, was meinte er eigentlich damit? Versteht Olaf Scholz unter „Zeitenwende“ dasselbe wie, wie ..., wie wer überhaupt?

Es ist nicht ähnlich wie damals zu Spitzenzeiten Coronas, als laut Boulevardpresse „wir“ uns wieder „zurück in die Normalität“ wünschten? Schon damals war unklar, wer denn da welches Ziel vor Augen hatte. Ich jedenfalls wollte mit Sicherheit woandershin als Christian Lindner, soviel ist schon mal klar. Aber sonst?

„Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ hieß einmal ein Schlager. Damals sangen „wir“ zwar lauthals, aber ahnungslos mit, heute wissen wir, dass wir damit nur die Normalität gemeint haben konnten.

Ein proppenvoller Zug, doch jeder Fahrgast hat ein anderes Ziel – obwohl alle Ziele den gleichen Namen tragen, Normalität. Das heißt, sobald sich der Zug auch nur in Bewegung setzt, bejammern viele die falsche Richtung und beschimpfen den Lokführer oder die Lokführerin.

Um wenigstens einen Hauch Klarheit in die Sache zu bringen, versichere ich hiermit, Scholzens Arbeit trotz Zeitenwumms recht vernünftig zu finden. Nicht nur seine. Zwei Drittel der Ampel tut das Beste, das in der jetzigen Situation machbar ist.

Man sollte nur daran denken, dass die mittlere Farbe einer Ampel weder Anhalten noch Losfahren anzuordnen hat. Sie soll lediglich beraten. Es ginge aber auch ohne. In diesem Falle sogar besser.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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