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Etwas ist kaputtgegangen, Heilung unwahrscheinlich.
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Etwas ist kaputtgegangen, Heilung unwahrscheinlich.

Kolumne

American Angst

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Der Angriff auf das Kapitol war der demonstrative Akt einer destruktiven Selbstverachtung – ein ganzes Land hat seine Fassung verloren. Die Kolumne.

Die Verfallsgeschichte dauert schon etwas länger an. Den einschlägigen Titel dazu trug 1986 ein Film von Denys Arcand: „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“. Darin ging es weniger um die Formen politischer Selbstzerstörung, wie sie zuletzt auf spektakulär-dramatische Weise in Washington zu beobachten waren.

Der Film handelt vielmehr vom gewöhnlichen Unglück typischer Angehöriger des gebildeten Mittelstandsmilieus. Es wird viel geredet in dem Film über Sex und Liebe. Paare und Passanten konstatieren das Scheitern ihrer konventionellen oder auch experimentellen Lebensformen. Der Wertezerfall der Wohlstandsgesellschaft wird selbstironisch und sarkastisch kommentiert, und der im Titel angesprochene Untergang wird weniger als Bedrohung wahr-, sondern als unausweichliche Zwangsläufigkeit hingenommen. Etwas ist kaputtgegangen, Heilung unwahrscheinlich.

Betrachtet man die Erinnerung an den Film als Ergänzung des aktuellen Geschehens, dann ist kaum anzunehmen, dass der künftige US-amerikanische Präsident Joe Biden wird leisten können, was nun viele von ihm erwarten: die Versöhnung der tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.

Aussichtslos ist das Unterfangen schon deshalb, weil die Annahmen falsch sind. Spaltung und Riss haben sich als pejorative Beschreibung eines gesellschaftlichen Zustands verselbstständigt, der auch dann nichts Gutes verheißt, wenn man sich dessen Gegenteil vorstellt. Die homogene und befriedete Gesellschaft ist nicht das Paradies, auch in absehbarer Zeit sollte es vielmehr wünschenswert sein, dass gesellschaftlicher Fortschritt und sozialer Friede aus Widerspruch, Differenzierung und dem Wettbewerb um das bessere Argument hervorgebracht werden.

Das gebannte Starren auf eine wie immer auch sich zeigende Spaltung scheint kaum mehr zum Vorschein zu bringen als die denkfaule Verkennung der Wirklichkeit. Tatsächlich aber scheinen die postindustriellen Gesellschaften, allen voran die US-amerikanische, etwas verloren zu haben, für das Herbert Croly 1909 in seinem Buch „The Promise of American Life“ noch folgende Worte gefunden hat: „Der Glaube der Amerikaner an ihr Land ist etwas Religiöses, wenn nicht der Stärke nach, so doch wegen seiner fast absoluten und allgemeinen Autorität. (…) Wir stehen vielleicht vielem, was im Namen unseres Landes getan wurde, skeptisch oder ablehnend gegenüber, doch dieses Land selbst, sein demokratisches System und seine blühende Zukunft sind über jeden Zweifel erhaben.“

Der ungebrochene Patriotismus, der aus diesen Sätzen spricht, gründete immer auch auf einen Stolz auf die amerikanische Verfassung. Deren Eröffnungsformel haben sich viele derer, die am 6. Januar Donald Trumps Ruf vor und in das Kapitol gefolgt sind, sogar auf die Unterarme tätowieren lassen: „We, the people …“ („Wir, das Volk …“)

Die Gewissheit jedoch scheint dahin, dass diese Verfassung das unhintergehbare Gut aller sei. Die zum wahnhaften Schlachtruf geronnene Formel von der gestohlenen Wahl artikuliert auf monströse Weise ein Verlustgefühl, das kaum durch demokratische Verfahren, wie sorgsam auch immer diese angewandt werden mögen, geheilt werden kann. Der Angriff auf das Kapitol war der demonstrative Akt einer destruktiven Selbstverachtung – ein ganzes Land hat seine Fassung verloren.

Harry Nutt ist Autor.

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