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Sogar Arbeiten in Tschernobyl: Projekt in Osteuropa könnte schlimme Folgen haben

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Von: Manfred Niekisch

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Polesien liegt in drei Ländern: Belarus, Ukraine und Polen.
Ein Großprojekt der Länder Polen, Belarus und der Ukraine droht ein einzigartiges Naturgebiet in Europa zu zerstören. © Olivia/imago

In Osteuropa wird ein gigantomanisches Projekt geplant. Ein einzigartiges Naturgebiet würde dadurch zerstört werden. Die Kolumne.

Warschau – Es könnte die 500.000-Euro-Frage sein. Was ist Polesien? Findige Geister würden wohl ableiten, es müsse mit Polen zu tun haben. Säße ein naturschutzbewegter Mensch auf dem Kandidatenstuhl, hätte er beste Chancen, den Gewinn einzustreichen. Denn Polesien ist ein Gebiet, das der internationalen Fachwelt aus Ökologie und Naturschutz aktuell größte Sorgen bereitet.

Zwei der Länder, in denen es liegt, tauchen derzeit täglich in den Nachrichtensendungen auf, nämlich Belarus und die Ukraine, wenngleich in gänzlich anderem Zusammenhang. Das dritte Land im Bunde ist in der Tat Polen.

Dort plant man bei Siarzewo einen riesigen Staudamm. Er soll der Stromerzeugung dienen. Insbesondere ist er aber, noch Hunderte von Kilometern von Polesien entfernt, ein Kernstück für den Ausbau der E 40-Wasserstrasse, mit der eine 2000 Kilometer lange Verbindung zwischen Ostsee und Schwarzem Meer geschaffen werden soll, befahrbar für große Frachtschiffe.

Riesenprojekt in Polen, Belarus und der Ukraine geplant: Schaden für Umwelt und Klima

Diese Wasserstraße würde Polesien, das größte intakte Feuchtgebiet Europas durchschneiden, ihr Ausbau würde großräumige Schäden am Fluss Prypjat und seinen Nebenflüssen, an den Seen, Wäldern und Sümpfen auslösen.

Artenreichtum, Dynamik, Schönheit und Klimarelevanz brachten dem Gebiet den Spitznamen „Amazonien Europas“ ein. Darin liegen mehrere Nationalparks und andere streng geschützte Gebiete. Die Prypjatsümpfe umfassen 90.000 Quadratkilometer!

Groß war die Erleichterung der Umweltorganisationen aus den drei betroffenen und anderen europäischen Ländern, als der polnische Umweltminister Michal Kurtyka im August vergangenen Jahres die Baugenehmigung zu widerrufen beschloss. Nur zwei Monate später war er abgesetzt.

Bauarbeiten in Tschernobyl bergen Gefahr für Mensch und Natur

Nun liegt die Entscheidung in den Händen seiner Nachfolgerin Anna Moskwa. Deren Entscheidung könnte nicht gerade zugunsten des Naturschutzes ausfallen. Schließlich machte Anna Moskwa ihre politische Karriere in leitenden Funktionen im Ministerium für Meereswirtschaft und Binnenschifffahrt.

Derweil treiben die drei Länder die Pläne für die E 40-Wasserstraße voran. Es wurden Abschnitte des Flusses Prypjat ausgebaggert. Das birgt besondere Gefahren, denn es geschah in der Ukraine, in der radioaktiv hochverseuchten Sperrzone von Tschernobyl.

Die Befürchtung ist, dass damit Radioaktivität aufgewühlt und weit verbreitet wird. Mit unabsehbaren Folgen für die Natur, insbesondere aber für die lokale Bevölkerung. Deren soziale Strukturen und Wirtschaftsweisen würden durch den Ausbau der Wasserwege ohnehin in vielfacher Hinsicht schwer beeinträchtigt werden.

Polen, Belarus und die Ukraine planen klimaschädliches Großprojekt

Sozialverträglichkeit Null, Klimaschädlichkeit hoch, Umweltschäden massiv, Wirtschaftlichkeit nicht belegbar. Es ist eines dieser gigantomanischen Vorhaben, die nicht mehr in die Zeit passen. In der Planung des Transeuropäischen Transport-Netzwerkes (TEN-T) der Europäischen Kommission kommt E 40 nicht vor, wegen der exorbitant hohen Kosten und der Unverträglichkeit mit Klima und Umwelt. Dort setzt man – zukunftsorientiert – auf Schienenverkehr und anderen klimafreundlichen Transport.

In Polesien droht die Zerstörung von Umwelt und Vernunft. Das darf über den anderen gefährlichen Krisen der Region der internationalen Aufmerksamkeit nicht entgehen. (Manfred Niekisch)

Vor Kurzem schrieb Manfred Niekisch, Biologe und früherer Direktor des Frankfurter Zoos, in seiner Kolumne über die Einstufung von Atomkraft als Nachhaltig durch die EU.

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