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Die amerikanische Dichterin Amanda Gorman liest ein Gedicht vor während der 59. Amtseinführung des Präsidenten im US-Kapitol.
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Die amerikanische Dichterin Amanda Gorman liest ein Gedicht vor während der 59. Amtseinführung des Präsidenten im US-Kapitol.

Kolumne

Debatte um Übersetzung von Gorman-Gedicht durch „Cancel Culture“-Vorwürfe abgelöst: Vertane Chancen

  • Hadija Haruna-Oelker
    VonHadija Haruna-Oelker
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Identitätspolitik ist das Reizwort der Stunde. Was wir erleben, ist ein Gerangel um Gleichberechtigung. Eine Kolumne.

Ich lese und höre seit Wochen nur noch von Hautfarben, Sprachdebatten und Gendersternchen in den Feuilletons. Vermeintliche „Cancel Culture“ überall und brandheiß die Frage, was weiße Menschen angeblich nicht mehr dürfen; etwa rassistische Wörter im Fernsehen benutzen oder Schwarze Lyrikerinnen wie Amanda Gorman übersetzen. Wer hat Letzteres – außer den Feuilletons – eigentlich behauptet? Recherche hilft.

Anstatt die von der Schwarzen Journalistin und Aktivistin Janice Deul in den Niederlanden ausgehende Kritik an einem Mangel an Vielfalt im Literaturbetrieb zu vertiefen, wurde sich hierzulande lieber in Hautfarbenfragen, faktisch falschen Zusammenhängen und emotionaler Abwehr verhakt. Buh, das Gespenst einer identitären Linken geht um, und ich möchte den Verängstigten zurufen: Keine Angst, es geht nur um den Wunsch nach Gleichberechtigung.

Hintergrund

Das Gedicht „The Hill We Climb“, das die Schwarze Schriftstellerin Amanda Gorman bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden vortrug, soll in einige Sprachen übersetzt werden. In den Niederlanden sowie Spanien wurden weiße Übersetzer:innen beauftragt, was für Kritik und eine Debatte sorgte. In den Niederlanden gab die Übersetzerin den Auftrag zurück, in Spanien wurde er dem Beauftragten entzogen. In Deutschland haben drei Frauen das Übersetzen übernommen, Hadija Haruna-Oelker ist eine von ihnen und trat die Aufgabe zusammen mit Uda Strätling und Kübra Gümüşay an. (ial)

Kampf um Gleichberechtigung: Ein Strukturproblem?

Ja, ich bin sarkastisch. Auch, weil diese Art der Debatten nicht nur nicht neu sind, sondern sich teilweise auch um mich drehen. Seit Wochen streitet die Literaturszene über Verlagsentscheidungen und angeblichen Gehorsam und macht damit die Übersetzung eines Gedichtes, in dem es um unser Gemeinsames geht, zum Brennpunkt einer Debatte über Identitätspolitik, die uns spalte.

Für mich wird Identitätspolitik von allen betrieben; auch von denjenigen, die das bisher Gängige zu schützen versuchen. Wir stecken in einer Art Hochphase eines Macht- und Verzweiflungskampfes um Deutungshoheit und Verteilungsfragen. Es tönt so laut, weil es bei den zu verteilenden Kuchenstücken immer stärker darum geht, ob alle ein gleich großes oder überhaupt eines abbekommen.

Handelt es sich also um ein Strukturproblem? Oha, hab ich Struktur gesagt? Noch so ein Triggerwort. Gemeint sind von Wertvorstellungen geprägte Entscheidungsabläufe und Routinen, die wiederum Institutionen wie Behörden, Schulen oder das Gesundheitswesen so beeinflussen, dass etwa nichtweiße Menschen benachteiligt werden.

Diskriminierung: Was, wenn in Institutionen das Verständnis fehlt?

Hier liegen die wirklichen Probleme, die weniger mit echter Hautfarbe als mit gesellschaftlichen Realitäten zu tun haben. Und der Tatsache, dass meine weiße Mutter andere Erfahrungen macht als ich und viele Menschen in den Medien oder im Literaturbetrieb so aussehen wie sie – ein Problem, wenn diese Menschen nicht so sensibel sind wie meine Mutter, die zwar empathisch nachempfinden kann, was ich erlebe, es aber eben nicht genauso spüren kann.

Ich denke viel darüber nach, was es für Institutionen und ihre Abläufe bedeutet, wenn ein Verständnis von Mehrfachdiskriminierungen dort fehlt. Es ist ein Fachgebiet, mit dem sich auch die Sozialwissenschaft beschäftigt, und das, was ebenso Amanda Gorman bewegt.

Gleichberechtigung: Auch ausgewogene Besetzungen in Talkshows wichtig

Fachlich über diese Dinge zu sprechen und eine Sprache dafür zu finden, braucht die gleiche Versiertheit, die es benötigt, um Texte aus diesem Spektrum angemessen zu übersetzen, oder um in Redaktionen für mehr Vielfalt, kritische Berichterstattung oder ausgewogene Talkshowbesetzungen zu sorgen.

Es ist ein Qualitätskriterium, dem in der Vergangenheit offenbar zu wenig Wert beigemessen wurde. Es ist ein Lernfeld, bei dem es um Aushandlungsprozesse unserer Unterschiede und die damit verbundene Frage „Wer ist wir“ geht. Anstatt also Grabenkämpfe zu führen, wäre es konstruktiver, einen Perspektivwechsel zu vollziehen – mit weniger Angst vor Verlusten und mehr Offenheit für neue, bereichernde Wege. Alle, die das versuchen, feiere ich. (Hadija Haruna-Oelker)

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