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Alle Würste werden Brüder

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Von: Michael Herl

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Würde Friedrich Schiller  heute noch ankommen?
Würde Friedrich Schiller heute noch ankommen? © Imago

Würde Friedrich Schiller mit seinem vielzitierten Satz heute noch ankommen? Oder würden viele ihn in den sogenannten sozialen Netzwerken zerreißen? Die Kolumne.

Eigentlich hat der Schiller-Fritze da ja eine gute Idee gehabt. „Alle Menschen werden Brüder“ schrieb er 1785 und meinte es offensichtlich auch so. Doch man weiß ja, wie das ist mit dem „gut gemeint“.

Heute nämlich würde man ihm diesen Satz schnell und gehörig um die Ohren hauen. In den sogenannten Sozialen Netzwerken jedenfalls wäre Fritze schnell untendurch und sähe sich wüstesten Beschimpfungen ausgesetzt. Schließlich könnten ja alle Menschen auch Schwestern werden. Oder wenigstens Brüder und Schwestern.

Nix da, würden sie im Sozialen Netz nun maulen. Denn das wiederum würde all jene nicht berücksichtigen, deren Geschlecht sich irgendwo zwischen den einst von der konservativen Lehre definierten und lange gültigen Polen befindet – und damit diskriminieren.

Und wie wäre es vielleicht mit „Alle Menschen werden Geschwister“? Nein, würden da die Mitglieder der Zürcher Hodenbadegruppe bellen und vorschlagen, doch wenigstens „Geschwister und Gebrüder“ zu sagen – und damit eine neue Diskussion entfachen.

Warum, zum Donnerwetter, nimmt der Ausdruck „Geschwister“ alle erdenklichen Geschlechter in sich auf, während mit „Gebrüder“ nur und ausschließlich Männer gemeint sind? Irgendwer wird mit diesem Sachverhalt diskriminiert, das ist schon mal klar. Aber wer? Die Frau, weil sie in die Rolle der Mutter gedrängt wird, die unter wallenden Röcken alle fürsorglich aufnimmt? Oder den Mann, weil er als Teil von „Geschwistern“ genötigt wird, sich in diese eindeutig weiblich definierte Gruppe einzugliedern?

Das ist wie bei der Bratwurst. Auch sie stellt nämlich eine Problematik dar. Und auch dafür ist seit den späten Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts trotz vielerlei Versuche keine Lösung gefunden worden. Bis dahin war sie überall dort, wo Menschen im Freien zusammenkamen, die unangefochtene Nummer eins der schnellen Verpflegung.

Dann aber geriet sie bei gewissen Veranstaltungen in den Ruf, fürchterlich bieder zu sein und politisch zumindest bedenklich. Schnell wurde ihr die gesamte dunkle Geschichte Deutschlands aufgebürdet. Die Bratwurst geriet zur Täterwurst. Bald war auf einschlägigen Straßenfesten wie etwa denen der Grünen kein einziges Würstchen nach heimischer Rezeptur mehr zu finden. Marokkanische Merguez gab es da, spanische Chorizo, italienische Salsiccia, dänische Medisterpølse, griechische Loukaniko und natürlich allerlei Fleischloses wie Falafel, Hummus oder Shawarma. Die deutsche Wurst aber war verbannt – und ist es noch heute.

Ähnlich wie bei Friedrich Schillers Text ist also auch hier die Lage dermaßen verfahren, dass keine Lösung in Sicht scheint. Oder doch? Liegt vielleicht wie so oft die Chance in der Vereinfachung? Etwa in dem Satz „Alle Würste werden Brüder“? Nee. Geht auch nicht. Das entfacht die ganze Diskussion wieder von Neuem.

Da hilft nur eins, noch weiter vereinfachen. So sehr, bis man irgendwann zu der Erkenntnis gelangt, dass beide Themen überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Außer, dass bei beiden viel zu kompliziert gedacht wurde und man ein Problem herbeischwurbelte, das eigentlich gar keins war. Aber auch das ist schließlich eine Erkenntnis. Und mit der lässt sich im richtigen Leben durchaus etwas anfangen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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