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„Algiers Confidential“ (ZDF): Plump und mit Inszenierungspatzern

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Von: Harald Keller

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„Algiers Confidential“ hätte mehr Potenzial gehabt
„Algiers Confidential“ hätte mehr Potenzial gehabt. © Jerome Delay/dpa/picture alliance

Die vierteilige Verfilmung von Oliver Bottinis Politthriller „Ein paar Tage Licht“ durch Arte und das ZDF bleibt unter ihren Möglichkeiten.

Ralf Eley (Ken Duken) ist Verbindungsbeamter des deutschen Bundeskriminalamts an der Botschaft in Algier mit diplomatischem Status. Überstunden sind unvermeidlich, als ein bewaffnetes Kommando den deutschen Geschäftsmann Peter Richter (Isaak Dentler), der in Algerien eine Panzerfabrik aufbauen wollte, aus der Gästevilla der Regierung entführt.

Die lokalen Behörden in Gestalt des grimmigen Generals Soudani (Hammou Graïa) machen Eley auf seine beschränkten Befugnisse aufmerksam. Was den nicht hindert, trotzdem tätig zu werden. In einem der ersten Schritte kontaktiert er einen US-amerikanischen Gewährsmann. Er kennt ihn von früher als George Smiley. Aber, so erklärt der Kundschafter: „das war meine John-le-Carré-Phase. Jetzt bin ich wieder bei Graham Greene. Sag einfach: Guten Tag, Harry Lime.“

„Algiers Confidential – Ein paar Tage Licht in der ZDF-Mediathek

George Smiley war eine wiederkehrende Figur in John le Carrés Agentenromanen. Harry Lime wurde von Graham Greene für den Film „Der dritte Mann“ erdacht und hernach Roman-, Hörspiel- und TV-Serienheld. Falls Abdel Raouf Dafri und Oliver Bottini, die Drehbuchautoren des Arte-ZDF-Vierteilers „Algier Confidential – Ein paar Tage Licht“, mit diesen Dialogzeilen signalisieren wollten, in wessen Fußstapfen sie zu treten gedachten, müssen sie sich sagen lassen: Mission gescheitert.

„Algiers Confidential“ ist die kondensierte Version von Bottinis 512-seitigem Roman „Ein paar Tage Licht“. Romanverfilmungen darf man nur bedingt an ihren Vorlagen messen, wohl aber an vergleichbaren Produktionen desselben Genres. Das britische öffentlich-rechtliche Fernsehen BBC hat mehrere Romane von John le Carré als Mehrteiler umgesetzt, die zu Klassikern dieser Sparte wurden, zum Beispiel „Dame, König, As, Spion“ und „Agent in eigener Sache“. Beide waren mit Sir Alec Guinness besetzt. Daran lässt sich ablesen, welches Qualitätsniveau angestrebt wurde. Diese Tradition fortführend, setzt die BBC bis heute Maßstäbe in den Gattungen Polit-, Polizei- und Agententhriller.

Le Carrés Bücher sind keine Action-Romane

Le Carrés Bücher sind keine Action-Romane. In „Eine Art Held“ verwendet der Autor ganze Kapitel nur auf die interne Arbeit des Geheimdienstes MI6, auf mühsame Archivrecherchen und Analysen, auf die Konkurrenz zwischen den einzelnen Abteilungen, Ministerien, das Verhältnis zu den US-Kollegen, den „Vettern“. Spannend ist die Geschichte trotzdem, weil le Carré die nötigen Techniken beherrschte.

In „Algiers Confidential“ gibt es solche Feinheiten nicht. Während Ralf Eley in Algerien entdeckt, dass die Entführer nicht, wie von offizieller Seite behauptet, der Al-Qaida angehören, wird in Berlin Katharina Prinz (Anna Schudt) Leiterin der Abteilung Nahost im Auswärtigen Amt und nimmt als Erstes eine unsaubere Ausfuhrgenehmigung für Sturmgewehre unter die Lupe.

Empfänger ist der algerische General Soudani, Absender das Unternehmen des windigen Managers Reinhold Wegner (Martin Brambach), der einen Killer beschäftigt, Geschäftsfreunde mit Orgien bei Laune hält und einen Callboy auf eine Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes angesetzt hat, von der er im Gegenzug geheime Informationen zugespielt bekommt. Zu den zahlreichen Mängeln des Drehbuches gehört, dass die Dame das Arrangement nicht erkennt und an wahre Liebe glaubt. Der Denkfehler: Wahre Liebe würde keine Gegenleistung verlangen, der gesamte Vorgang zumindest eine bessere Tarnung erfordern.

Djamel will die Revolution

Eine weitere Handlungslinie gilt dem jungen Djamel Benmedi (Raphael Acloque), dessen Vater von Soudanis Schergen verschleppt und mutmaßlich ermordet wurde. Er will mit Gesinnungsfreunden in Deutschland den Transport der von allen begehrten Waffen überfallen, die Gewehre nach Algerien schaffen und dort im revolutionären Kampf gegen die verhasste, vom Militär gelenkte Regierung einsetzen.

In der Fernsehfassung unter der Regie von Frédéric Jardin wird aus der diffizilen Materie eine Hau-Ruck-Geschichte. Die Charaktere sind so nuancenreich wie Lego-Figuren, die Algerier entweder korrupt oder Terroristen, mit Ausnahme der Staatsanwältin und Eley-Geliebten Amel Samraoui (Hania Amar), die dafür betont exotisch-sinnlich auftreten muss. Die Rolle des skrupellosen Rüstungsmanagers Wegner wurde mit Martin Brambach besetzt, bekanntermaßen kein Mann für Zwischentöne und auch hier wieder überdreht bis an die Grenze zur Posse.

Auf dramaturgischem Gebiet wird gekeilt statt ziseliert. Wo die erzählerische Finesse nicht ausreicht, kommt es zu wilden, inhaltlich nicht immer nachvollziehbaren Schießereien. In diesem Vierteiler erreicht die Todesrate fast das Niveau eines billigen Vietnamfilms.

„Algiers Confidential“ leidet an Instzenierungspatzer

Die robuste Machart kann über diverse Inszenierungspatzer nicht hinwegtäuschen. Von wegen vertraulich (confidential): Trotz Kenntnis gegnerischer Überwachungsmaßnahmen finden konspirative Gespräche auf weithin einsehbaren Dächern oder in Straßencafés statt, Schlüsselübergaben alles andere als diskret auf offener Straße. Eine Autoverfolgung gerät so dilettantisch, dass man dem BKA-Mann spontan eine Weiterbildung empfehlen möchte.

Und muss man einen deutschen Leibwächter ausgerechnet Toni Schumacher nennen? Ungeschick oder eine namentliche Anspielung, die so plump gerät wie manch anderes in dieser deutsch-französischen Koproduktion. (Harald Keller)

„Algiers Confidential – Ein paar Tage Licht“, Mittwoch, 3.8.2022, 23:15 Uhr und Donnerstag, 4.8.2022, 23:00 Uhr, sowie in der ZDF-Mediathek.

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