1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

Achtung, Antirassismus!

Erstellt:

Von: Anetta Kahane

Kommentare

Ferda Ataman.
Liebe Ferda, ich gratuliere von Herzen! Wir wollten so oft über die Probleme von Rassismus versus Antisemitismus sprechen. Bitte lass’ es uns nun bald tun. Denn sie sind symptomatisch für das ganze Thema Einwanderungsgesellschaft. © Imago

Auch erklärte Gegner des Rassismus können rassistisch sein. Die Tat ist entscheidend, egal wer sie verübt. Die Kolumne.

Frankfurt – Als Kind aus dem Osten schrecke ich immer zusammen, wenn ich das Wort Kollektiv höre. Die Idee dahinter nicht per se toll zu finden, galt in der DDR schon als ideologisches Abweichlertum.

Der Westen stand für den Individualismus, wobei der Ton beim Aussprechen verächtlich zu klingen hatte. Das Kollektiv dagegen verkörperte die Einheit, so wie der Sozialismus: vom Ich zum Wir.

Umso mehr erstaunt es mich, wie manche Diskussionen gerade laufen. Zum einen wächst das Bedürfnis, sich in der eigenen Identität abzugrenzen. Ethnisch, geschlechtlich, kulturell diversifizieren sich die Selbstbeschreibungen. Darüber regen sich viele auf – ich finde das gut. Soll doch jeder Mensch das Recht auf die Bestimmung des eigenen Selbst haben! Machen doch Differenzierungen den Stereotypen irgendwann vielleicht ein Ende.

Blutige Autokraten sind den Fortschrittlichen offenbar der Kritik nicht wert

Auf der anderen Seite entstehen in der Welt der vermeintlich Fortschrittlichen, wie Künstler, Intellektuelle oder Sozialpädagogen, Begriffe wie „der globale Süden“, was als Wort oder Ideologie genau das Gegenteil einer Differenzierung bedeutet. Der globale Süden – als Sammelbegriff für Menschen außerhalb Europas?

Eine so grobe und unaufrichtige Vereinheitlichung kann sich mit dem sozialistischen Kollektivgedanken messen. Im Sozialismus war er nicht freiwillig, der globale Süden hingegen soll selbst gewählt sein und gleichzeitig alle so hart erkämpften Ausdifferenzierungen glattstreichen? Die eigentliche Idee dahinter ist die Gegnerschaft zum imperialistischen „Norden“. Aber das ist auch unaufrichtig, denn der „Osten“ wie Russland oder China fällt aus dieser Kritik heraus, obwohl er zwar imperialistisch, aber nicht demokratisch ist. Blutige Autokraten sind den Fortschrittlichen offenbar der Kritik nicht wert, Israel dafür umso mehr.

Die bizarre Gleichzeitigkeit von Generalisierung und Identitätsdifferenzierung zeigt sich bei der Diskussion über die Documenta und ihr krachend gescheitertes Konzept der kollektiven „Reisscheune“. Sie ist aber auch Teil jener Diskussion über die Ernennung von Ferda Ataman als Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes. Bei der Gelegenheit: Liebe Ferda, ich gratuliere von Herzen! Wir wollten so oft über die Probleme von Rassismus versus Antisemitismus sprechen. Bitte lass’ es uns nun bald tun. Denn sie sind symptomatisch für das ganze Thema Einwanderungsgesellschaft.

Denn Schwarze Deutsche und Menschen mit Migrationsgeschichte müssen unter allen Umständen vor Diskriminierung und Gewalt geschützt werden. Doch die Tat ist entscheidend, egal wer sie verübt. Frauenhasser, Antisemiten, Rassisten oder sonstige Verbrecher gibt es überall. Auch unter Menschen mit Migrationsgeschichte. Das ist eine Binse.

Die Autorin

Anetta Kahane war Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Ein Antirassismus, der das verleugnet, ist rassistisch. Diese Form des Antirassismus, die sich in der Debatte über Ferda Ataman gezeigt hat, nimmt weder Täter noch Opfer ernst. Sie kollektiviert und ignoriert das Individuum und seine Rechte. Ein Beispiel: Wenn ein Islamist hier meine kurdische Freundin bedroht, dürfen sie oder ich dann nichts sagen? Weil der Täter aus dem globalen Süden stammt und somit von Rassismus betroffen sein kann? Wird sie gezwungen, sich mit ihm, der ihr den Tod wünscht, gemein zu machen? Wegen des Antirassismus?

Nein! Ich bin für einen Antirassismus, der den Rassismus der Rechten weniger fürchtet, als er seinem eigenen Antirassismus vertraut. (Anetta Kahane)

Auch interessant

Kommentare