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Absurde Grenzen

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Von: Johannes Dieterich

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Autos stehen vor dem deutsch-dänischen Grenzübergang Harrislee/Padborg. Ohne biometrischen Pass ist es den Insassen nicht erlaubt, durch Dänemark weiter in andere skandinavische Länder zu reisen. Sie werden von der Bundespolizei in Empfang genommen und in Flensburg untergebracht.
Autos stehen vor dem deutsch-dänischen Grenzübergang Harrislee/Padborg. © Frank Molter/dpa

Keines der Probleme, die die Menschheit heute wirklich umtreibt, ist auf der Ebene von Nationalstaaten zu lösen. Die Kolumne.

Diese Kolumne kommt aus dem namibischen Caprivi-Zipfel, einem der bizarrsten Beispiele kolonialer Grenzziehung in Afrika: Den Streifen Land tauschte Berlin einst gegen die Insel Sansibar ein. Ihre Demarkationslinien zogen die Kolonialherren willkürlich mitten durch die Siedlungsgebiete einheimischer Völker. Noch heute werden sie von Afrikas Machthabern todernst genommen, um ihre Zölle oder Straßengebühren erheben zu können. Über den Verlauf der Grenzen brechen immer wieder Konflikte oder gar Kriege aus: Dabei zählen sie zu den die idiotischsten Phänomenen der Welt.

Ein Haus wird von einer Mauer begrenzt. Auch ein Dorf hat eine Grenze, die allerdings flexibel ist – und die Grenzen von Städten pflegen sich zumindest im globalen Süden wie Flächenbrände auszubreiten. Richtig kompliziert wird es mit Ländergrenzen: Sie stimmen meist weder mit ethnischen Siedlungsgebieten noch mit Sprachräumen überein und sind auch sonst für kaum etwas gut. Mit den Grenzen von Kontinenten ist wiederum mehr anzufangen. Doch die einzige wirklich feststehende und überzeugende Umgrenzung verläuft um die Erde.

Also bietet sich eine Grenzgewichtung an. Die Grenze des Globus ist unverrückbar, sie definiert uns als Erdlinge und hält uns zusammen. Am anderen Ende des Spektrums befindet sich das Individuum mit seiner Umgrenzung, der Haut. Auch sie ist in der Regel unumstritten und relativ stabil. Dazwischen erstreckt sich eine ganze Palette an sozialen Gemarkungen, die zwar flexibel, aber einigermaßen klar definiert sind: der Haushalt, das Dorf, die Stadt. Der Streit entsteht mit nationalen Grenzen, die man hier oder auch dort ziehen könnte, falls sie tatsächlich nötig sein sollten. Nomaden bezweifeln das.

Auch für Unternehmer:innen sind sie längst obsolet geworden. Salz in der Suppe, ein Fahrzeug oder ein Smartphone sind am Fuß der Anden, im Ural oder in der Savanne begehrt. Grenzschranken sind bei ihrer Zustellung nur hinderlich. Auch wenn der Corona-Winzling der Globalisierung einen Tiefschlag versetzt hat: Beenden wird er sie auf keinen Fall. Wer das Wirtschaften regeln will – und das ist selbstverständlich unbedingt nötig –, muss dies im städtischen, kontinentalen oder globalen Rahmen tun, weil nationale Regulatoren umgangen, erpresst oder ausgetrickst werden. Mit Steueroasen, der Produktionsverlagerung in Billiglohnländer oder Heuschreckenbetrieben.

Keines der Probleme, die die Menschheit heute wirklich umtreibt, ist auf der Ebene von Nationalstaaten zu lösen. Ob es sich um Klimaerhitzung, die Migration, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich oder um Pandemien handelt. Das Antichambrieren nationaler Regierungen, ihre Eigeninteressen und Ablenkungsmanöver, pflegen die Probleme nur zu vergrößern. Nationalstaaten mögen zur Überwindung feudaler Fürstentümer wichtig gewesen sein – bei der Lösung heutiger Herausforderungen haben sie nichts mehr zu bieten.

Stattdessen kommen als gesellschaftliche Entitäten Dörfer oder Städte in Frage. Dann geografisch oder wirtschaftlich homogene Gebiete wie Inseln, die Alpenregion, die Sahelzone, das Ruhrgebiet oder die westafrikanische Kakaoanbau-Region. Auch Naturschutzgebiete, die nach dem Wunsch von Ökologinnen und Ökologen künftig ein Drittel der Erdoberfläche abdecken sollen. Und schließlich auf höchstem Niveau: sechs Kontinente sowie die Erde. Zugegeben: ein gigantisches Umstrukturierungsprogramm. Also, packen wir’s an.

Johannes Dieterich berichtet für die FR aus und über Afrika.

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