Frankfurter Buchmesse 2020: Was durch die Corona-Pandemie beschleunigt wird, ist nicht zuletzt der gesellschaftliche Abschied jener nach Aristoteles benannten Einheiten von Zeit, Raum und Handlung. Gemeinschaftsbildung ist immer schwerer zu haben.
+
Frankfurter Buchmesse 2020: Was durch die Corona-Pandemie beschleunigt wird, ist nicht zuletzt der gesellschaftliche Abschied jener nach Aristoteles benannten Einheiten von Zeit, Raum und Handlung. Gemeinschaftsbildung ist immer schwerer zu haben.

Kolumne

Abschied von der Gegenwart

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
    schließen

In Zeiten von Corona ist Gemeinschaft immer schwerer zu haben. Es reift die traurige Einsicht: Es geht vielleicht auch ohne. Die Kolumne.

Ein paar Jahre danach war fast alles wieder wie zuvor. Im Oktober 2001 war die Frankfurter Buchmesse das erste kulturelle Großereignis, das nach dem terroristischen Angriff auf das World Trade Center in New York abgehalten wurde. Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und lange Warteschlangen beim Einlass aufs Messegelände waren nur die sichtbare und zu erlebende Folge einer sozialen Katastrophe.

In den Hallen aber war das Gedränge wie eh und je groß. Auf Dutzenden Podien wurde das anbrechende Zeitalter der terroristischen Gefahr und die viele verblüffende Rückkehr der Religionen debattiert. Es gab viel zu besprechen, der bislang eher theoretisch bearbeitete Kampf der Kulturen schien über Nacht über die westliche Welt hereingebrochen.

Ansonsten gehörte es weiterhin zu den paradoxen Erfahrungen eines jeden Messebesuchs, dass immer größerer Aufwand betrieben werden musste, um mit Büchern, um die es hier doch gehen sollte, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Das Geschiebe in den Gängen signalisierte gesteigertes Interesse, aber es war flüchtige Neugier, die sich hier wie eine schwerfällige Raupe vorwärts bewegte.

Die Bilder, die in der vergangenen Woche aus Frankfurt gesendet werden, verwiesen immer wieder auf eine traurige Choreographie sorgsam freigehaltener Stuhlreihen. Das Ereignis findet nicht statt, vielmehr geht es in dieser Szene darum, den Eindruck eines aufgeschobenen Ereignisses zu vermitteln. Auf den sonst mühsam die Menschen fortbewegenden Rolltreppen sammelt sich das Laub. Diesmal scheint der Herbst schneller als jemals zuvor gekommen.

Die Reden, die dazu gehalten werden, sind verhalten optimistisch. Es wird nicht mehr so werden, wie es einmal war, heißt es, als gehe es darum, nostalgische Gefühle abzuwehren. Niemand möchte sich jetzt dabei ertappen lassen, bloß rückwärtsgewandt und sentimental zu sein. Tatsächlich scheinen alle bemüht, sich wirtschaftlich und kommunikativ alert aufzustellen. Die identitätspolitische Phrase des Sich-neu-Erfindens hat Hochkonjunktur.

Den Soundtrack zu einer solchen Situation hatte die Rockband Tocotronic aus Hamburg bereits 1995 geliefert. „Digital ist besser“ lautete der Titel des ersten Albums der Hamburger Band, deren gleichnamige Song auch eine Antwort auf das Gefühl einer Antiquiertheit des Menschen zu sein schien. „Auf der Straße denken Leute: „Wie sieht der denn aus?“/Dass Leute doof sind, setze ich als bekannt voraus/In einer Gesellschaft, in der man bunte Uhren trägt/In einer Gesellschaft, wie dieser bin ich nur im Weg.“

„Digital ist besser – für mich“, hieß es im Refrain, und das war gar nicht so optimistisch und der Zukunft zugewandt, wie es zunächst klang. Vielmehr scheint der Rückgriff aufs Digitale ein resignativer Versuch zu sein, dem Scheitern im Sozialen etwas entgegenzusetzen.

25 Jahre später wissen wir es etwas genauer. Was durch die Corona-Pandemie beschleunigt wird, ist nicht zuletzt der gesellschaftliche Abschied jener nach Aristoteles benannten Einheiten von Zeit, Raum und Handlung. Gemeinschaftsbildung ist immer schwerer zu haben, und zu dem Bedürfnis, nichts verpassen zu wollen, gesellt sich die mal traurige und mal die Trauer abwehrende Einsicht: Es geht vielleicht auch ohne.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare