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Ab nach Kassel!

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Von: Inge Günther

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Die geschwärzten Säulen am Museum Friedericianum sind Teil der Documenta 15.
Die geschwärzten Säulen am Museum Friedericianum sind Teil der Documenta 15. © Swen Pförtner/dpa

Im Disput über ein palästinensisches Künstlerkollekiv auf der Documenta werden wichtige Hintergründe geflissentlich übergangen.

Klar doch fahren wir wieder nach Kassel. Ich gehöre zwar nicht zu den eingefleischten Documenta-Fans, für die das Kunstfestival seit jeher fester Bestandteil ihrer Sommerplanung ist. Das letzte Mal vor fünf Jahren war für uns offen gesagt sogar das erste Mal. Kurzum, wir fanden es toll, drinnen und draußen Kunst aus aller Welt zu erleben. Beim Folgebesuch wollte gleich die halbe Patchwork Family mit, die sonst bei Einladungen ins Museum eher müde abwinkt. Kassel ist da vergleichsweise niedrigschwellig, trotz Anreise aus Berlin im Morgengrauen.

Schon deshalb stand fest: In diesem Jahr wollen wir wieder hin, lange bevor der Disput um die Documenta Fifteen sich zu einem Politikum auswuchs. Aber natürlich weckt so was erst recht Interesse. Umso mehr, als es ja ein wirkliches spannendes Experiment ist, dass diesmal Künstler:innen aus dem globalen Süden nicht nur in Ausstellungen vertreten sind, sondern mit der indonesischen Gruppe von Kurator:innen Ruangrupa die Regie führen.

Ihre künstlerische Freiheit, auch ein palästinensisches Künstlerkollektiv namens The Question of Funding einzuladen, stieß bekanntermaßen auf heftigste Anwürfe, hiermit antisemitischen Positionen Vorschub zu leisten. Eine Kampagne kam ins Rollen – ähnlich wie im Fall Achille Mbembe, dem postkolonialistischen Philosophen aus Kamerun, der wegen seiner zugespitzten Kritik an der israelischen Besatzung ins feuilletonistische Kreuzfeuer geriet.

Damals munitionierte das Portal „Ruhrbarone“ die Debatten. Diesmal erhoben die ebenfalls mit den sogenannten Antideutschen verbandelten Kämpen vom Bündnis gegen Antisemitismus (BgA) Kassel eine recht weit hergeholte Anklage der Kontaktschuld, festgemacht an der Kooperation des palästinensischen Künstlerkollektivs mit dem Sakakini-Kulturzentrum in Ramallah. Belegten doch die Tagebücher des vor bald 70 Jahren verstorbenen Khalil Sakakini eindeutig dessen Nazi-Sympathien. Überführt! Wen kümmert da noch, dass Sakakini an anderer Stelle vor dem deutschen Nationalsozialismus warnte.

Geflissentlich übergangen wurde ebenso seitens des BgA und in der Springerpresse, dass Sakakini, ein Dichter und Pädagoge, bis 1948 auch Juden unterrichtete. Mit manchen blieb er noch darüber hinaus freundschaftlich verbunden, obgleich er als arabischer Nationalist nach Israels Staatsgründung die Flucht antrat. Und wozu erwähnen, dass das nach ihm benannte Kulturzentrum zu den bevorzugten Adressen in Ramallah zählt – für Veranstaltungen der Adenauerstiftung wie für Empfänge der internationalen Diplomatie, gerne frequentiert von Auslandskorrespondent:innen, einschließlich meiner Wenigkeit? Dann wäre am Ende, Gott bewahre, die Luft raus aus diesem aufgeblasenen Antisemitismusskandal.

So reichte der ausgeübte Druck auf die Ruangrupa-Kurator:innen zumindest aus, die im Vorfeld der Documenta geplante Gesprächsreihe „We need to talk“ zu canceln. Eine verpasste Gelegenheit, zum Beispiel über solch heikle Fragen zu reden, was Antisemitismus ist und was nicht.

Es ist schon seltsam: Hier in Berlin sehne ich mich öfters nach Israel, wo trotz seiner restriktiven Palästina-Politik eine couragierte Streitkultur fortdauert. Hierzulande ist man schon erleichtert, wenn der Wirbel um die Documenta Fifteen nicht auch noch die Absage der Kunstschau nach sich zieht. Wie gemunkelt wird, war Ruangrupa schon kurz davor hinzuschmeißen. Jetzt läuft der Countdown. In acht Tagen ist Eröffnung. Ab nach Kassel!

Inge Günther ist Autorin.

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