1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen

50 Jahre ohne Aufarbeitung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Harry Nutt

Kommentare

Eine Ausstellung begleitet das Denkmal für die Opfer der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 in München.
Eine Ausstellung begleitet das Denkmal für die Opfer der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 in München. © Sven Hoppe/dpa

Die Gedenkfeier an die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 kann hilfreich sein. Ohne die Angehörigen der Betroffenen aber nicht.

Ein Mann mit Tarnmaske schaut vom Balkon eines Hauses aus dem Olympischen Dorf in München. Bilder wie diese scheinen auch 50 Jahre fest eingeschrieben auf die Netzhaut des kollektiven Gedächtnisses.

Die demonstrative Selbstsicherheit der Täter steigerte noch das Grauen vom 5. September 1972, dem schließlich elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft zum Opfer fielen. Für das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden stehen sinnbildlich die über die Dächer huschenden Spezialkräfte. Die bunten Farben ihrer Trainingsanzüge veranschaulichten die Arglosigkeit ihres Tuns.

Die Bilder vom Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Mannschaft haben jedoch verdeckt, was in den vielen Jahren danach geschah – und was unterblieb. In der Erinnerung ist der Terroranschlag ja vor allem einer auf die Illusion der heiteren Spiele von München, die an die Stelle der Inszenierung der Macht durch Hitlers Nazi-Regime von 1936 treten sollten. Aus dieser Perspektive waren nicht nur jüdische Sportler zu Opfern geworden, es hatte auch die junge westdeutsche Demokratie getroffen.

Einige der Namen der getöteten Sportler sind mir, der ich das Geschehen als 13-jähriger Schüler im Fernsehen verfolgte, für immer im Gedächtnis geblieben: Moshe Weinberg, der Ringer-Trainer, Zeev Friedman, der Gewichtheber, André Spitzer, der Fecht-Trainer. Sie und ihre Teamkollegen starben im Kugelhagel auf dem Flughafen von Fürstenfeldbruck, wo eine Befreiungsaktion auf fatale Weise misslang.

Ankie Spitzer, die Ehefrau André Spitzers, hat die Ereignisse der Nacht nicht mehr losgelassen. Bis heute ist sie um Aufklärung bemüht. Ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit ist sie wieder gerückt, weil sie die anhaltende Forderung nach Entschädigungszahlungen an die Opferfamilien mit deren Teilnahme an einer geplanten Gedenkfeier in München verknüpft. Tatsächlich muten die Summen, die die Angehörigen bislang erhalten haben, kläglich an. Zweimal, 1972 und 2002, wurde Geld ausbezahlt, beide Male explizit ohne Anerkennung einer Schuld. Die erste Zahlung in Höhe von einer Million D-Mark war über das Deutsche Rote Kreuz erfolgt. Mit Schuldeingeständnissen tun sich staatliche Behörden sowohl beim Freistaat Bayern als auch bei der Bundesregierung schwer.

Verspätete Zahlungen in angemessener Höhe, die im Verlauf von 50 Jahren leider unterblieben, sind aber nur ein Aspekt einer skandalösen Verschleppung staatlicher Aufarbeitung. Noch immer sind nicht alle Akten zugänglich, die möglicherweise Auskunft geben über das Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden in jener Nacht auf den 6. September von Fürstenfeldbruck. Ein Sperrvermerk gilt noch bis 2047.

Zu den Archiven soll nun eine Expertenkommission israelischer und deutscher Historiker Zugang erhalten. Ist das nicht eine gute Nachricht? Vielleicht. Sie ist aber auch ein Beleg dafür, dass eine die deutsche Nachkriegsdemokratie in ihren Grundfesten erschütternde Tat ein halbes Jahrhundert später immer noch mehr Fragen aufwirft, als Antworten bereithält.

Die Gedenkfeier an solch ein Ereignis kann für die nationale Selbstvergewisserung sehr bedeutsam sein. Ohne eine versöhnliche Übereinkunft mit den Vertreterinnen und Vertreter der Opfer ist sie jedoch nichts wert.

Harry Nutt ist Autor.

Auch interessant

Kommentare