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30 Jahre Fever Pitch

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Von: Harry Nutt

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Die Leidenschaft für Fußball hat einen Namen: „Fever Pitch“.
Die Leidenschaft für Fußball hat einen Namen: „Fever Pitch“. © Imago

Die heißen Emotionen des Fußballs – selten waren sie ohne die Kälte des Geldverdienens zu haben. Die Kolumne.

Die Leidenschaft für Fußball hat einen Namen: „Fever Pitch“. So heißt das Buch des britischen Autors Nick Hornby, der darin seine früh entflammte, nie erloschene Liebe zu einem Londoner Klub beschreibt, den FC Arsenal.

Es ist eine tragische Beziehung, über viele Jahre ist sie geprägt von Enttäuschung, Niederlage und den Versuchen, wieder aufzustehen. Nick Hornby war elf, als er 1968 das erste Mal das Londoner Highbury-Stadium betrat, und das Unvergessliche dieses Nachmittags beschreibt er so: „Den tiefsten Eindruck auf mich machte, wie sehr die meisten Männer um mich es hassten, wirklich hassten, dort zu sein.“

In den 60er Jahren roch der Fußball nach Blut, Schweiß und Tränen, weniger pathetisch ausgedrückt nach Proletariat. Der deutsche Ruhrgebietsfußball wurde auf ähnliche Weise zelebriert wie der britische. Die meisten Zuschauenden drängten sich auf Stehplätzen, es war laut und ungemütlich, von Herbst an kamen Regen, Schnee und Kälte hinzu. Und doch musste dort etwas zu finden sein, dass die meisten wiederkommen ließ.

In seinem Buch „Um jeden Preis“ (Kiepenheuer & Witsch) schildert der Sportschriftsteller Christoph Biermann sein Fever-Pitch-Erlebnis so: „Für Hornby ist die Liebe der Fans eine tragische, weil sie letztlich immer enttäuscht wird. Der Fan hasst sich dafür, dass er seine Zeit in heruntergekommenen Stadien an lausige Kicker verschwendet. Er kommt aber dennoch wieder, weil er dort die Gemeinschaft der Gleichgesinnten und in seltenen Momenten die Delirien des Glücks erlebt, wie sie nirgends anders zu erleben sind.“

Der Fußball hat sich in den 30 Jahren, seit Nick Hornby ihn als Vehikel einer tragikomischen Suche junger Männer nach sich selbst beschrieben hat, deutlich verändert. Die lausigen Kicker sind gefeierte und teuer bezahlte Stars, selbst die unteren Ligen haben einen radikalen Professionalisierungsschub hinter sich.

Gerade hier tummeln sich Dutzende Traditionsvereine, die von ihrer Erinnerung an bessere Tage zehren. Es ist, als hätten diese Clubs irgendwann einer unerbittlichen Modernisierungswelle weichen müssen. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Durchlüftung der Stadien auch Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Öffnung war.

Die überwältigende Männlichkeit, die den jungen Nick Hornby faszinierte, hat weiblichen Beistand bekommen. Das Publikum ist gemischt, und die Spieler lassen es sich nicht nehmen, zu ihren Auftritten bei großen Turnieren gleich noch ihren Friseur mitzubringen. Der Hooligan und der Metrosexuelle sind vielleicht keine Sitznachbarn, aber sie beobachten einander.

Christoph Biermann schreibt in seiner wahren Geschichte des Fußballs, dass 1992 noch etwas anderes passiert ist. Die Champion-League wurde gegründet, und durch sie sei es wenigen Klubs wie nie in der Geschichte des Fußballs zuvor gelungen, den sportlichen Erfolg zu monopolisieren.

Die WM in Katar und deren skandalöse Vergabe kommen dabei nur am Rande vor, dafür aber vernichtend: „In diesem Strudel der Milliarden und der völligen Abwesenheit von so etwas wie einen moralischen Kompass offenbarte sich die Fifa nicht einmal mehr als schwacher Staat, sondern als failed state.“ Die heißen Emotionen des Fußballs – selten waren sie ohne die Kälte des Geldverdienens zu haben. In Katar noch bis zum 18. Dezember.

Harry Nutt ist Autor.

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