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Wie sollen Betroffene mit Hass umgehen?

Hass im Netz

Menschenverachtendes Rumgerotze

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In den unsozialen Medien sind fiese Attacken dermaßen in Mode gekommen, dass man mit dem Abwehren gar nicht mehr nachkommt. Die Kolumne.

Eigentlich ist das ja eine ganz normale menschliche Reaktion: Wer angegriffen wird, der wehrt sich. Nun sind aber im Zeitalter der unsozialen Medien fiese Attacken aus dem Hinterhalt dermaßen in Mode gekommen, dass viele mit dem Abwehren gar nicht mehr nachkommen.

Meine Methode, mit Beleidigungen umzugehen, lautet: Gar nicht erst ignorieren. Immer wieder werde ich von Freunden gefragt: „Sag mal, wie kommst Du denn mit diesem Shitstorm klar?“

Hasspost einfach ignorieren

Ganz einfach. Ich nehme ihn gar nicht wahr. Mehr noch. Ich lasse es gar nicht erst so weit kommen, ihn nicht beachten zu müssen. Ich gehöre keiner Gemeinde an, weder den Facebookern, noch den Twitterern oder den Instagramern. Verirrt sich dennoch eine böse E-Mail in meinen Strombriefkasten, überfliege ich den ersten Satz und lösche sie. Drohbriefe auf Papier werden postwendend geschreddert und der Wiederverwertung zugeführt – vielleicht wird ja mal ein Liebesbrief daraus.

Viele Kolleginnen und Kollegen halten das anders. Sie drucken Schundposts aus, machen Bücher daraus oder setzen sich auf Bühnen und lesen sie zur Belustigung des Publikums vor. Kann man machen. Aber selbst das empfinde ich schon als Belastung.

Außerdem möchte ich den armen Geschöpfen, die so etwas schreiben, nicht noch ein weiteres Podium bieten. Ich finde, ihnen gebührt nicht einmal, sie öffentlich der Lächerlichkeit preiszugeben. Aber das muss jeder selbst wissen.

Ansatz für eine vernünftige Diskussion

Unlängst aber hat mich ein solches Pamphlet über Umwege dennoch erreicht. Plötzlich ploppte es auf meinem Rechner auf und lautete wörtlich: „Herl ist ebenso unästhetisch, wie seine Artikel dämlich sind. Ich wette, der sitzt mit einer Flasche Bier am PC und fertigt seine FR Onlineartikel ab. Er ist auf dem Niveau eine Bild Journalisten, nur dass er politisch stolz links ist.“

Ich weiß nicht, was mich trieb, jedenfalls verfasste ich umgehend folgende Zeilen und schickte sie dem anonymen Menschen: „Besten Dank erstmal für die Mühe, sich an die Tastatur zu begeben. Zu Ihren Ausführungen: Über den Grad meiner äußerlichen Schönheit gibt es mehrere Meinungen. Die einen sagen so, die anderen so.

Sie kennen das sicher aus anderen Zusammenhängen. Zu den Fakten: Alkoholische Getränke pflege ich nicht aus Flaschen, sondern aus Gläsern zu mir zu nehmen, und meine Texte schreibe ich nicht am PC, sondern an einem Mac.

Neue Herl-Kolumne: Frankfurt ist gelebte Willkommenskultur

Was meine Arbeit für die Frankfurter Rundschau angeht, so verfasse ich keine Onlineartikel, sondern Kolumnen für die gedruckte Ausgabe. In der Tat werden die aber zuweilen auch ins Netz gestellt. Und Niveau ist sicherlich eine Frage der Ansicht, erst recht in der von Ihnen gewählten Konnotation. Und zuguterletzt: Selbst wenn ich politisch stolz links wäre, wäre dies doch gewiss kein Makel, oder?“

Ich dachte, das wäre es dann gewesen. Doch wenige Tage später kam eine überraschende Antwort: „Wow, Sie haben auf meinen Kommentar persönlich geantwortet. Hätte ich nicht erwartet. Hatte mich bloß über ein paar ihrer Artikel geärgert, insbesondere ...“

Es folgte eine längere Erklärung, durchdacht und fehlerfrei. Politisch für mich nicht akzeptabel, doch ein tauglicher Ansatz für eine vernünftige Diskussion. Es geht also. Aber warum nicht gleich so? Warum erst mal dieses menschenverachtende Rumgerotze?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher

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