+
Markus Söder mit höchst kreativer Verkleidung.

Kolumne

Die närrische Zeit nach Karneval

  • schließen

Der politische Aschermittwoch offenbart, dass man manche Witze erklären muss und dass die närrische Zeit weiter geht. Franz Josef Strauß hatte frühzeitig gewarnt.

Glaubt man den musikalischen Alarmrufen der Karnevalsjecken, ist am Aschermittwoch alles vorbei. Andererseits zeugen die Veranstaltungen der politischen Parteien aber just an diesem Tage eher davon, dass der Aschermittwoch die Fortführung von Karneval und Fasching mit anderen Mitteln ist.

Das hätte sich der bayerische Bauernbund nicht träumen lassen, als er vor 100 Jahren in Vilshofen den traditionellen Jahrmarkt für Rindviecher zur Volksversammlung ausbaute. Franz Josef Strauß führte den politischen Aschermittwoch später zur Blüte.

Seine Reden können aus heutiger Sicht durchaus belustigend wirken, was sie damals aber nicht waren. Es sei denn, man findet Stammtischrhetorik grundsätzlich lustig. In unermesslicher Sorge um unsere Zukunft warnte er schon vor 33 Jahren, dass Deutschland ein bunt geschmücktes Narrenschiff zu werden drohe, auf dem ein Grüner und zwei Rote die Rolle der Faschingskommandanten übernehmen.

Der Gaudi-Charakter in Bierzeltatmosphäre bleibt bis heute erhalten, selbst in Demmin. Man höre sich nur eine Parteivorsitzende an, die an ihrem Sockel als Kanzlerkandidatin bastelt. Hat sie im Karneval selbst noch versucht, richtig witzig zu sein, indem sie das dritte Geschlecht verhöhnt, so läuft sie am Aschermittwoch zur Höchstform auf.

Da sprüht vor Geist und Humor, was sie zum Besten gibt, um ihren Witz zu erklären. Eigentlich ist bekannt, dass Witze, die man erklären muss, nicht besonders gut sind. Jedem, der dennoch nicht darüber lacht, bescheinigt sie gleich Zugehörigkeit zum verkrampftesten Volk der Welt. Da kann man nur lachen, jetzt aber richtig. Es sei denn, das Lachen bleibt einem im Hals stecken.

Die Bundesvorsitzende der anderen Volkspartei hielt sich weise mit Sprüchen zum Aschermittwoch zurück, denn rapide sinkende Umfragewerte waren ohnehin allzu häufig Lachnummern in Büttenreden. Und überhaupt hatte sie sich mit markigen Sprüchen schon lange vorher profiliert. Sie überlässt den politischen Aschermittwoch also dem Landesverband ihrer Partei und der trumpft eher spaßgebremst auf mit der Kandidatin für die Europawahl.

Der neue bayerische Ministerpräsident dagegen hat die Chance genutzt, seinen schlimmen Fauxpas in der fränkischen Fastnacht wieder gut zu machen. Er war dort zum ersten Mal unmaskiert erschienen, was die Weltöffentlichkeit weit über den Main hinaus bis fast an die Nordseeküste mit Verwirrung zur Kenntnis nahm. Jetzt erschien er in höchst kreativer Verkleidung, mit offenem Hemdkragen und Bartstoppeln im Gesicht, wie das männliche Mitglied des Bundesvorsitzes der Grünen. Vielleicht hat er ja tatsächlich vor, auch deren Politik zu imitieren. Oder erscheint der Gedanke dann doch lachhaft?

Da bleibt die gelbe Partei – versammlungsmäßig nur wenige Kilometer entfernt – lieber gleich und ganz ausdrücklich auf Gegenkurs zu einer klaren Politik für das Klima. Es steht aber nicht zu erwarten, dass sie damit – Aschermittwoch hin oder her – wie Phönix aus der Asche steigt. Denn inzwischen gibt es zu viele Menschen, die Umweltprobleme ernst nehmen. Und die dafür sogar jeden Freitag auf die Schule verzichten.

Der Aschermittwoch liegt nun erst einmal hinter uns, aber es spricht vieles dafür, dass eine ziemlich närrische Zeit vor uns liegt, wenngleich ohne Helau und Alaaf und vermutlich auch ohne Tusch.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare