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Böser Wolf schadet Bauern? Da hat die Umweltministerin dem Naturschutz wohl ein Ei ins Nest gelegt.

Kolumne

Zum Kuckuck mit den Eiern

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Was der Kuckuck anderen Vögeln ins Nest legt, ist harmlos - wenn man es mit den vorösterlichen Ratschlägen von Politikern vergleicht.

Die ersten Überraschungseier kamen mit Sicherheit nicht aus Legebatterien und schon gar nicht aus einer Schokoladenfabrik. Sie kamen zweifelsohne aus dem Freiland, gelegt von Kuckucksweibchen.

Faszinierend, wie sie mögliche Pflegeeltern für ihre Eier und Jungen ausspähen, den richtigen Moment abpassen, um ihnen das Kuckucksei ins Nest zu legen, und es dann auch noch schaffen, dass ihre Eier farblich denen der Wirtseltern ähneln.

Gutmütig brüten Bachstelze, Zaunkönig und Co. die Kuckuckskinder aus und ziehen sie groß – im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Nestlinge sind viel größer, als die eigenen Nachkommen gewesen wären. Die hat der junge Kuckuck längst aus dem Nest geschmissen. Aber die Wirtseltern lassen sich die Überraschung über das Riesenbaby nicht anmerken. Sie tun einfach ihre Pflicht. Dank ernten sie dafür nicht, es sei denn, die Natur dankt ihnen, dass sie das Überleben der Kuckucke sichern helfen.

Diese raffinierte Strategie belegt der gelehrte Mensch mit dem hässlichen Begriff Brutparasitismus. Das haben die Kuckucke nun wirklich nicht verdient, so diffamiert zu werden, statt sie dafür zu bewundern.

Das Unterschieben der Eier geschieht in Deutschland ziemlich passend um die Osterzeit, wenn die – man scheut sich, sie so zu nennen – Brutparasiten nach einem Langstreckenflug aus ihren südafrikanischen Winterquartieren zurückkehren, um in deutschen Wäldern stimmlich den Frühling einzuläuten. Ziemlich zeitgleich gibt es dieses Jahr ganz andere Überraschungseier.

Ein gewisser US-Präsident legt auch mal gern ein Kuckucksei - verpackt in 280 Twitter-Zeichen

Da öffnet die französische Feuerwehr ein Twitter-Ei, eingewickelt in die US-Flagge, und findet eine geistreiche Botschaft vor. Sie besagt, dass beim Löschen von Notre-Dame schnell gehandelt werden muss. Sicher wären die fleißigen Pompiers nicht selbst darauf gekommen. Zudem widersetzen sie sich dem präsidialen Rat aus den USA, Löschflugzeuge einzusetzen, mit dem auch für plumpe Gemüter eingängigen Argument, so viel Wasser brächte das Dach der Kathedrale vollends zum Einstürzen. Ist ja auch eine Überraschung, Löschtipps zu erhalten von einem, der eher gern zündelt. Um sicher zu sein, dass ihre ablehnende Haltung verstanden wird, antworteten sie sogar auf Englisch und nicht in ihrer Landessprache.

Da fragt man sich, ob Boeing folgsamer ist und, wie gewünscht, ihr MAX-Modell schnell mal ein bisschen umbenennt und dann neu auf den Markt bringt. Was soll der Stress wegen eines Softwarefehlers, der ein paar hundert Passagieren den Tod brachte?

Im österlichen Kontext legt auch die deutsche Umweltministerin ein Überraschungsei ins Nest des Naturschutzes. Sie will es erleichtern, dass Wölfe abgeschossen werden, wenn sie der Landwirtschaft Probleme machen. Was für ein populistischer Unsinn. Aber es ist eben viel einfacher, einen vermeintlichen Feind zu bestimmen, als die strukturellen Probleme von Schafshaltung und Artenschutz zu lösen.

Bisher hat noch kein Wolf Menschen gefährdet. Wenn einer es denn versuchte, wäre das in der Tat ein Grund, ihn ans Gewehr zu liefern. Aber doch bitte nicht wegen der Tötung von Lämmern, die ja gerade in diesen Tagen auch von den menschlichen Schlachtern nicht verschont werden.

Die friedliche Osterzeit geht innerhalb weniger Tage zu Ende. Leider aber werden Überraschungseier wohl das ganze Jahr über gelegt. Wie schön wäre es, wenn sie alle nur aus Schokolade wären!

Zum Autor

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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