+
Ohne die Keimruhe würden Kitze im Winter geboren - das wäre schlecht für das Überleben.

Frühlingsdiäten

Die Gesichter des Hungerns

  • schließen

Fasten gegen den Winterspeck - ein Luxusbedürfnis in reichen Industrienationen. Menschen in armen Weltregionen hungern ungewollt. Die Kolumne.

Von wegen Frühlingsdiät! Da gibt es doch entscheidende Unterschiede zwischen Tier und Mensch. Während wir davon träumen, uns den Winterspeck wegzuhungern, essen sich die meisten Tiere im Frühjahr erst einmal richtig satt. Denn nach dem Winter finden sie nun endlich wieder üppig Nahrung. Das gilt ganz besonders für die Angehörigen der heimischen Fauna, die im Winterschlaf waren und dabei ihre Fettreserven aufgezehrt haben. Fledermäuse, Siebenschläfer und Murmeltier gehören in diese Kategorie, auch Lurche und Kriechtiere.

Für sie alle bedeutet Frühjahr, dass das Darben ein Ende hat und die beste Zeit gekommen ist, um Nachwuchs in die Welt zu setzen. Der hat dann bis zum nächsten Winter genug Zeit zum Kräftesammeln. Besonders raffiniert hat die Natur das bei den Rehen eingerichtet. Die paaren sich im Sommer, wenn sie bestens genährt sind. Dumm nur, dass dann die Kitze eigentlich mitten im Winter geboren würden. Also wird eine Keimruhe eingelegt. Das befruchtete Ei beginnt erst nach Monaten, sich zu entwickeln. So erblickt Bambi das Licht der Welt im Mai, wenn alles grünt und blüht.

Lebkuchen und Gänsebraten machen Weg frei für Abnehmpropaganda

Menschen in gemäßigten Breiten dagegen können sich Fastenzeit und Diäten im Frühling leisten, weil wir jederzeit genug zu essen haben. Unsere Paarungszeiten und – in deren Erfolgsfall – die Geburten sind unabhängig von Jahreszeiten, die Jungenaufzucht ist ganzjährig leistbar.

Wenig Bewegung im Winter, kombiniert mit Lebkuchen und Gänsebraten bringt es mit sich, dass die Sommerkleidung vom Vorjahr sich an einigen Stellen stärker wölbt. Es wird sogar kolportiert, irgendwelche geheimnisvollen Wesen würden die Kleidung während der Winterpause im Schrank enger nähen.

Winterspeck lässt sich mit dicker Kleidung noch kaschieren, aber im Sommer möchten viele ihn doch los sein. Genau diese Menschen sind eine wunderbare Zielgruppe für all die bunten Blätter, die jedes Frühjahr neue Abnehmdiäten propagieren und merkwürdigerweise vor allem bei Damenfriseuren ausliegen, obwohl ja auch Männer Gewichtsprobleme haben. Zu helfen scheinen die Diäten allesamt nicht sehr viel, denn sonst würden nicht dauernd neue erfunden. Die Hoffnung auf Pfunde zehrende Kuren steigert wohl jedenfalls die Auflagenzahlen dieser Illustrierten.

Kampf gegen Welthunger: Ackerflächen sinnvoller nutzen

In anderen Teilen der Welt haben Menschen eher große Mühe, an ausreichend Nahrung zu kommen. Dem Hunger in armen Ländern liegen vor allem ungerechte Verteilung und falsche Flächennutzung zugrunde. Shrimp-Farmen, Sojaanbau, Ölpalmplantagen und Energiepflanzen wie Mais leisten kaum einen Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in Entwicklungsländern. Die oft gehörte Forderung, es müsse mehr Ackerfläche geschaffen werden, statt Waldgebiete zu schützen und Wildnisflächen sich selbst zu überlassen, geht in die falsche Richtung und löst die Probleme nicht.

Bestehende Ackerflächen sinnvoller zu nutzen, widerstrebt natürlich all den Industriezweigen, die eine möglichst weitgehende Monopolisierung ihrer Produkte anstreben und behaupten, mit noch mehr Dünger, Pestiziden und Genmanipulation die Welternährung sichern zu müssen.

Dabei wäre durchaus genug Nahrung für einige Millionen Menschen mehr da, wenn weniger Lebensmittel und Flächen vergeudet würden. Gerechtigkeit wäre dann erreicht, wenn jeder Mensch auf der Erde die Freiheit der Entscheidung hat, ob und wann er mal freiwillig eine Diät einlegen will.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare