Kolumne

Geht zum Frisör

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Früher dachte ich, für einen Haarschnitt reichen fünf Minuten. Dann trat ich ein in die Welt von Wellness, Beauty und Ayurveda.

Hier kommt die dritte Ausgabe der frohen Kolumne. Um bis zum Jahresende wie versprochen hundertprozentig in Frohsinn aufzugehen, genügt es nicht, lustige Texte zu schreiben. Nein, bei diesem Selbstversuch geht es darum, in zwölf Monaten ein komplett anderer Mensch zu werden. Kein Miesepeter mehr, der im fortgeschrittenem Alter den Verlust der Jugend mit dem Untergang der Welt verwechselt, sondern ein tapfer der Zukunft entgegenblickendes Musterexemplar unserer Demokratie, AfD-resistent und Wagenknecht-immun. Kurz: ich musste zum Frisör.

Nun gehöre ich zu jener Sorte Mann, die Feuchtigkeitscreme für albern halten und nicht bereit sind, für einen Haarschnitt mehr als zehn Euro zu zahlen. Frisörbesuche – ja, in meiner Heimat schrieb man schon immer Frisör und nicht Friseur; ein Coiffeur wäre geteert und gefedert und aus der Stadt getrieben worden – Frisörbesuche waren bei mir immer Dienstleistungsquickies.

Ich flätzte mich in den Stuhl, rief „macht es kurz, zehn Millimeter“, und schon wurde der Rasierer angeworfen. Nach fünf Minuten war die Sache erledigt. Das Ergebnis können Sie auf dem Foto zur Kolumne sehen: ein Gesicht, so meine Frau, das dank des radikalen Polizeischnitts eine Aura verströmt von Massenmord und Stellenabbau trotz Rekordgewinn.

Um der Scheidung zu entgehen ließ ich mein Haar drei Monate lang wachsen, dann schlich ich mich um Frisörsalons herum, die Namen trugen wie ‚Lockenpracht‘, ‚Stufenschnitt‘ oder ‚Hairmann‘. Schließlich trat ich ein in die Welt von Wellness, Beauty und Ayurveda, wo die ‚Bunte‘ und die ‚Gala‘ über die Farbe der Saison thronen wie das ZK der SED über dem Fünf-Jahres-Plan. Ein feingliedriger junger Mann empfing mich und stellte ich als Hair-Designer vor. Aus Lautsprechern plätscherte sanft Musik, in der Luft ein Duft von Rosenholz und Minze.

Während ich wartete, dachte ich kurz an Salon Schmidt, die Folterkammer meiner Jugend, in die ich immer geschickt wurde, wenn das Haar länger zu werden drohte als der Verstand und wo ein Wehrmachtsschnitt meiner harrte. ‚Nun sieht der Junge wieder akkurat aus‘, pflegte einer meiner Onkel nach der Behandlung zu sagen, während ich mich in das Badezimmer einschloss und nie wieder zur Schule gehen wollte. Der froschgrüne Hosenanzug aus dem Kaufhaus, den mir meine Mutter mit den Worten präsentierte „schau, was ich Dir mitgebracht habe“, hatte schon genug Wirkung hinterlassen.

Nun aber wurde ich zuerst massiert, dann wurde Kopfhaut angeregt, schließlich mein Haupt gesalbt und gewaschen. Vorsichtig wurde Haarsträhne auf Haarsträhne geprüft, umsorgt und geschnitten. Langsam entstand auf meinem Kopf ein kleines Kunstwerk, eine Meisterleistung des deutschen Handwerks, und als ich nach 45 Minuten die Brille wieder aufsetze und in den Spiegel sah, da blickte mir immer noch Volker Heise entgegen, aber ein anderer Volker Heise, ein neuer Mensch: locker fallendes Haupthaar mit angedeutetem Seitenscheitel sagte „Ja“ zum Leben und hievte mich in Nullkommanix auf die nächste Stufe des Frohsinns.

Seitdem ist das Leben schöner geworden und kein Miesepeter kann mich mehr schrecken. Kommt mir einer entgegen und will meine kostbare Zeit auf Erden verdüstern mit aktuellen Verschwörungstheorien, Politiker-Bashing oder dem Untergang des Abendlandes, dann sage ich ihm: „Geh zum Frisör! Dann denkst du wieder akkurat.“ Aber viele haben ja keine Haare mehr.

Volker Heise ist Filmemacher.

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