Kolumne

Alles unter Kontrolle

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Wie das Coronavirus die Dosis unserer Freiheit bestimmt – das ist das wahre Paradox dieser Tage. Die Kolumne.

Vom Vorsorge-Paradox reden die Virologen jetzt gerne, wenn Kritik ins Unrecht gesetzt werden soll. Gemeint ist: Wenn erfolgreich vorgesorgt wurde, denken manche hinterher, die Vorsorge sei überflüssig gewesen. Den Effekt gibt es. Aber nicht nur bei der Corona-Vorsorge, sondern bei jedem Bemühen. Was er aussagt über Richtigkeit und Wirksamkeit des Bemühens? Gar nichts.

Wenn jetzt die Pandemie überall in Europa abebbt, muss man sehr wohl die Frage stellen dürfen, ob es weniger drastische Einschränkungen auch getan hätten. Hinsichtlich Schulen, Kitas, Geschäften, Restaurants. Als Lernfrage, nicht als Schuldfrage. Und als eher theoretische Frage – angesichts von Lage und Reaktion in den Nachbarländern war es im panischen März unrealistisch, entspannter zu bleiben.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Weniger theoretisch bleibt, was rückblickend die Lehre sein soll. Die Demonstrationen an den Wochenenden werden von Politik und Medien ja deshalb so ernst genommen, weil gerade nicht nur, nicht mal überwiegend chronische Spinner und Extremisten teilnehmen. Das poltrige Wort eines unbequemen alten Theatermanns dröhnt da nach: Er wolle sich von der Kanzlerin nicht vorschreiben lassen, dass er sich die Hände zu waschen hat.

Nun gibt es beim Katastrophenschutz aber von jeher ein oberstes Mantra: Kontrolle. Und für Politik, zumal konservative, war das Verhindern von Kontrollverlust zuletzt geradezu das Allzweck-Ziel schlechthin geworden. Mag sein, dass genau dadurch jetzt eine gewisse Geringschätzigkeit für die psychologischen und sozialen Folgen des Ruhigstellens ganzer Gesellschaften zustande kam.

Unter Kontrolle bringen: Was bei Feuer oder Hochwasser niemand kritisch hinterfragen muss, wird bei einem weithin unerforschten, kaum zu fassenden, teils belanglos und teils tödlich, aber gesellschaftlich rundum unsozial wirkenden Virus zu einer diffizilen Problematik. Seine Träger sind immer Menschen. Kontrolle des Virus ist also stets zugleich Kontrolle des Verhaltens von Menschen.

Das Kontroll-Paradox bei Corona besteht darin, dass Eingrenzung und Nachverfolgung der Virusverbreitung zwingend nötig bleiben, sich aber nicht präzise belegen lässt, was einzelne Maßnahmen wirklich verhindert haben. Inklusive Eingriff in Persönlichkeitswürde und Selbstbestimmungsrecht – vom Abschirmen alter Menschen bis hin zum Mundschutzzwang. Die Meinungen dazu gehen in der Abstandsgesellschaft zum Glück sehr viel weiter auseinander, als es die Virologen gerne hätten.

Jetzt gilt als neue Logik: Je mehr das Virus unter Kontrolle ist, desto mehr Rückgabe von Freiheit sei möglich. Momentan basteln sie am Rückgabeprogramm Tourismus. Kontrolliertes Reisen demnächst? Nein danke. Hochsicherheitsstrandhotels für Pauschalurlauber, die mit dem Alltag in der betreffenden Gegend möglichst wenig tun haben und nur aufs Geldverdienen aus sind: Wer’s mag, soll’s haben. Aber bitte nicht als neue Normalität.

Zum Wesen der Freiheit gehört Eigenverantwortlichkeit, dieser Blick aufs Prinzip ist gerade jetzt dringend nötig. Eigenverantwortlichkeit in Solidarität bitte, doch die ist nicht befehlbar.

Übrig bleibt eine zweischneidige Gewissheit: Wie man rein-stolpert ins Krisenreaktionsdilemma, nämlich dominoartig und in Reaktion auf das, was andere machen, muss man auch wieder rausstolpern. Irgendwie parallel mit den Nachbarn, die Minister kommen aus ihren internationalen Öffnungsschaltkonferenzen ja schon kaum mehr raus. Für die gegenseitige Kontrolle sorgt das Katastrophenschutz-Herdenprinzip. Ob man das beruhigend findet oder gerade nicht.

Und wer bleibt dann noch übrig? Liebe Kirmesbudenbesitzer, Diskobetreiber und Marathonläufer: Die Formel „Kontrolle schafft Freiheit“ war noch nie unbedenklich für alle. Sie ist das wahre Paradox dieser Tage.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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