Kolumne

Mit Widersprüchen leben

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Es ist nicht hilfreich, alle Verantwortung aufs Individuum zu übertragen. Wir brauchen Regeln für alle. Allein kann niemand die Welt retten. 

Beim U-Bahnfahren höre ich gerne „The Guilty Feminist“, das ist ein feministischer Comedy-Podcast aus England. Zu Beginn jeder Show gestehen die Gastgeberinnen selbstironisch, dass sie ihren eigenen Ansprüchen als emanzipierte Frauen häufig nicht gerecht werden.

Manchmal bekennen sie sich zu ihren eigenen Vorurteilen, manchmal zu unfeministischen Handlungen oder sie machen Witze wie: „I’m a feminist but my favourite type of apples is Pink Lady.“ („Ich bin Feministin, aber meine Lieblingsapfelsorte ist Pink Lady.“). Dahinter steht die Idee, dass wir leider nicht immer so handeln, wie es unserem Selbstbild eigentlich entspräche, aber dass das eben auch normal ist.

Seit Jahren erzählt mir beispielsweise jeder in meinem Umfeld, dass er nur noch selten und wenn dann ausschließlich „gutes Biofleisch“ isst. Demzufolge müsste der Marktanteil von Biofleisch in Berlin bei etwa 95 Prozent liegen. Tatsächlich sind es aber deutschlandweit unter zwei Prozent. Meine Bezugsgruppescheint da nicht repräsentativ.

Ethischer Konsum ist ebenfalls ein beliebtes Gesprächsthema. Würden wir da alle unseren eigenen moralischen Ansprüchen gerecht werden, müssten Klamottenläden wie H&M, Zara und Co. seit Jahren von ihrem Ersparten leben.

Aber bei den allermeisten Menschen ist nun mal der innere Schweinehund deutlich größee als die oder der innere Heilige. Wer dennoch zumindest ansatzweise ein besserer Mensch werden möchte, kämpft trotzdem dagegen an, selbst wenn sich daraus Widersprüche ergeben.

Den Kindern, die gegen die Klimapolitik der Bundesregierung protestieren, wird etwa von Gegnern vorgeworfen, dass sie ja auch in den Urlaub fliegen. Deshalb sprechen sie ihnen das Recht auf Protest ab. Abgesehen davon, dass Urlaubsreisen von Jugendlichen bei weitem nicht unser größtes Problem sind, frage ich mich, was die Kinder denn machen sollen. Daheimbleiben, wenn die Eltern verreisen? Hat denn niemand etwas aus „Kevin – Allein zu Haus“ gelernt?

Nun gab es in Berlin mal wieder Proteste gegen den Unterkunftsanbieter Airbnb. Dabei wurde eine Ferienwohnung von Aktivistinnen in eine Ausstellung gegen Zweckentfremdung von Wohnraum verwandelt. Auch hier waren sofort Stimmen zu hören, die den ihnen völlig unbekannten jungen Menschen vorwarfen, im Urlaub ja selbst Airbnb-Apartments zu mieten.

Dieser Kniff beendet Diskussionen um Gerechtigkeit, Solidarität oder Umweltschutz auf dümmstmögliche Weise. Denn dann dürften nur Menschen die Auswüchse des Kapitalismus kritisieren, die nackt in Büschen leben und sich von Eichhörnchen und Beeren aus dem Tiergarten ernähren.

Es ist aber durchaus möglich, gegen Gentrifizierung zu sein und trotzdem als gut verdienende Akademikerin eine Wohnung in Neukölln mieten zu wollen. Oder als Fleisch essender Mann eine effektivere Klimapolitik zu befürworten. Wir können ja nicht alle nackt im Tiergarten hocken. Vor allem, seitdem es die Love Parade da nicht mehr gibt.

Mein Lieblingspodcast beginnt nach den Geständnissen erst. Dann wird darüber gesprochen, was wir aus unseren Fehlern lernen können und welche gesellschaftlichen oder gesetzlichen Änderungen es darüber hinaus bedarf, damit nicht alle Verantwortung aufs Individuum übertragen wird. Um den Schweinehund zu zähmen, brauchen wir eben Regeln und alleine kann sowieso niemand die Welt retten.

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