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Im Fokus: Markus Lanz.
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Im Fokus: Markus Lanz.

Kolumne zu Markus Lanz

Kollektive Hinrichtung durch den Webmob

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Mein Lieblingshotel ist Opfer eines anonymen Webmobs. Zum Glück kann es gut damit leben. Andere können das nicht.

Eigentlich war dies die Beschreibung einer Herberge des Grauens. Von nackten, weiß gekalkten Wänden war die Rede, von total überhitzen oder vollkommen unterkühlten Räumen, von kargen Treppenhäusern ohne ein einziges Bild zur Zierde, von viel zu weichen, verlausten Betten, von einem Aufzug, der einem Käfig glich, einem lausigen Frühstück und einem unfreundlichen, arroganten Pförtner.

Ich hätte es ja wissen müssen. Dennoch guckte ich mir im Rahmen einer Online-Buchung einmal die vielen Bewertungen an, die Menschen aus aller Herren Länder über ein Hotel in Wien abgegeben hatten. Nein, nicht über ein Hotel – über mein Hotel! Denn seit Jahrzehnten steige ich bei jedem Wienbesuch immer dort ab, und jedes Mal war ich nicht nur vollkommen zufrieden, sondern seufzte vor Verzückung. Ein charmantes Drei-Sterne-Haus, erbaut um die Jahrhundertwende, mit hohen, weißen, schönen Zimmern ohne Firlefanz, einem alten, heimelig knarzenden Treppenhaus, einem dieser schönen Aufzüge, bei denen man zuerst ein metallenes Gitter aufziehen muss, einem Frühstück ohne Cerealien, lauwarme Bratwürstchen, geschmacksfreien Schlabberlachs und wasserziehendes Rührei und mit einem vor Wiener Charme nur so sprühenden älteren Concierge in herzzerreißend schmucker, verlebter Uniform. Und das alles soll sich nun geändert haben?

Um es vorwegzunehmen: Natürlich war alles beim Alten. Wie ich schon geahnt hatte, war das Hotel lediglich Opfer eines jener anonymen Internetschwärme geworden, die sich an irgendwem oder irgendwas festbeißen und dann zubeißen. Und die stetig wachsen, frei nach dem Motto: Wenn viele etwas Scheiße finden, dann finde ich das auch Scheiße. Dem Concierge war’s übrigens recht. Wenn die Meckerer meckern, halte dies andere Meckerer fern, meinte er sinngemäß. Und ihm seien die Stammgäste eh am liebsten – wenn ich wisse, was er meine. Wusste ich.

Das Hotel kann also gut damit leben, kritisiert zu werden. Andere nicht. Markus Lanz zum Beispiel. Der hatte sich in seiner Talkshow in der Tat so fürchterlich gegenüber Sahra Wagenknecht verhalten, dass er dafür eine Abmahnung des ZDF verdient gehabt hätte. Nicht aber das, was dann geschah, nämlich die kollektive Hinrichtung durch den anonymen Webmob. Darf es sein, dass einige hunderttausend Kürzelträger über Gedeih und Verderb eines Menschen entscheiden? Was richtet die hysterische Meute denn noch alles an? Ein Beispiel: Kaum ein Arzt mehr praktiziert ohne Bewertungen im Internet.

Doch was sind es für Menschen, die sich behandeln lassen und dann heimrennen an den Rechner und den Mediziner denunzieren? Es sind die gleichen, die ihre Beschwerden ins Netz eingeben, sich dann eine der dort vorgeschlagenen Krankheiten aussuchen, um sich die dann beim Hausarzt bestätigen und behandeln zu lassen. Aber wehe, der Doc ist anderer Meinung! Dann wird er gebasht, bis der Bildschirm qualmt. Man traut also einer Stunde Rumgegoogle mehr als einem Studium der Medizin und womöglich jahrzehntelanger Erfahrung.

Mein Tipp für meinesgleichen: Die Ärzte aufsuchen, die am schlechtesten bewertet werden. Gleiches bei Hotels, Restaurants, Fluggesellschaften und vielem mehr. Denn was der Schwarm der Lemminge nicht mag, das ist meist sehr zu empfehlen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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