Kolumne

Kojoten statt Idioten

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Ist der Wohnwagen in der Wüste Kaliforniens der letzte Zufluchtsort? Findet man nur dort Ruhe in einer sonst immer aufgeregteren Gesellschaft? Die Kolumne.

Der Mann klingt leicht verzweifelt. Nur noch Idioten gebe es heutzutage in den USA. Entweder rechte – oder auch linke. Er, ein Deutscher mit Langzeit-Wohnsitz in Kalifornien, findet das, was immer etwas technisch die neue Spaltung der Gesellschaft genannt wird, ziemlich nervtötend.

Es ist ein Zufallsgespräch auf dem Flug von Detroit nach Washington, wo er Vorträge zur Netzsicherheit halten wird. Ihm persönlich geht es gut. Sein erstes Haus hat er längst, vom zweiten mit Pool und Palmen träumt er schon. Aber die Politik im gespaltenen Amerika? Siehe oben.

Washington? Ein einziger Ameisenhaufen. Alle hecheln wie verrückt geworden den Gerüchten und Intrigen nach. Die Hauptstadt als Blase aller Blasen. Der Präsident? Inkompetent und doch zugleich Publikumsmagnet. Ein ganzes Land als Geisel einer Seifenoper. Überdrüssig einerseits, elektrisiert gleichzeitig, mit gegenseitiger Wut als dominierendem Gefühl.

In Washington wird mittlerweile viel geklagt über die unselige Abhängigkeit vom gerade neuesten Trump-Tweet, von der neuesten Wendung beim Impeachment oder in Syrien oder wegen des nächsten Personalwechsels im Weißen Haus. Was davon relevant ist und was unwichtig, lässt sich zeitnah kaum mehr bewerten. Aber es ist auch in gewissem Sinne egal geworden. Es findet ein großer Kulturkampf statt, da ist alles wichtig. Deshalb darf es kein Wegschauen mehr geben. Am Ende ist es doch immer reale Politik.

Von Besessenheit spricht in Washington einer in der journalistischen Top-Etage. Vom täglichen Trump-Kreislauf ein anderer, der Präsident sei Öl aufs Nachrichtenfeuer. Ob Trump nun gerade lügt oder gerade mal nicht: Er mache News. Die US-Medien sind werbefinanziert, sie leben gut von der Aufgeregtheit des Publikums. Und so sitzen die Journalisten also eng auf eng in ihren Großraumbüros wie die Hühner in der Legebatterie und funktionieren. An den Wänden Bildschirme mit den sekundenaktuellen Klickzahlen, die Börsenkurse in eigener Sache. Die schöne neue Welt der tagesgetriebenen Polarisierungssucht: Es gibt sie schon.

Nicht nur in den USA ist all das zum Horror geworden, siehe London und der Brexit. Nicht von ungefähr beginnen in Deutschland Konzerne mit dem Aufbau eigener Nachrichtenangebote als Lockmittel für ihre sonstigen Geschäfte. Storys als Zugpferd für allerlei. In der digitalen Welt ändert sich gerade grundsätzlich etwas. Und wenn noch stimmt, dass die großen US-Trends sich spätestens mit einem Jahrzehnt Abstand in Europa durchsetzen?

Eine Tastatur findet sich immer, Tische lassen sich wechseln wie Hemden, Privatheit passt nicht mehr zur Nachrichtenmaschine. Es geht stets noch flexibler, noch kurzatmiger, Hauptsache die Story ist erfolgreich. Die politische Spaltung beherrscht ihre Berichterstatter. Die Seifenoper in Trump-Land, die Brexit-Story in London: Hauptstädte werden darüber zum Schauplatz für Politik, andere Themen gibt es nicht mehr. Der Ameisenhaufen ernährt sich selbst.

Der Mann im Flugzeug zeigt stolz ein Handyfoto: Irgendwo in der Wüste Südkaliforniens hat er einen Wohnwagen stehen. Zwei Meilen im Umkreis keine Menschenseele. Kojoten statt Idioten. Er erholt sich da, fast jedes Wochenende. Aber es ist ein tristes Foto, dieser Wohnwagen mitten im Nichts. In einem Land, in dem die Menschen einander immer weniger zu sagen haben.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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