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Köhler, ein Nachtrag

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Von: Klaus Staeck

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Klaus Staeck ist Verleger und Grafiker.
Klaus Staeck ist Verleger und Grafiker. © FR

Viel Häme war zu hören beim Abgang des Bundespräsidenten. Da störte wohl einer die Routiniers der Macht. Von Klaus Staeck

Eine Stunde nach Horst Köhlers Rücktritt kamen die ersten Interviewanfragen. Kaum Zeit, um tiefgreifend ein schockierendes Ereignis zu reflektieren. Als ich einen Hauch von Verständnis für diesen Schritt äußerte, ließen mich meine Partner schnell fühlen, dass sie andere Antworten erwartet hatten. Denn die ersten Online- Kommentare hatten ihr vernichtendes Urteil bereits gefällt. Da wurde mit einer Gnadenlosigkeit ohnegleichen ein Mann öffentlich vorgeführt, der eben noch die Nr. 1 im Staat war, nun aber als "Weichei" mehrfach der "Fahnenflucht" überführt galt.

Aus dem Vokabular, das seinen Abgang begleitete: "kümmerlich", "illoyal", "feige", "Schönwetterpräsident", "Heulsuse" und "weidwundes Tier". Zu seiner persönlichen Charakterisierung: "flippig", "täppisch", "hölzern", "schnell beleidigt", was zum "panikartigen Rückzug" und zur "Verzweiflungstat" führte. Kein Wunder, dass man ihn gar zum "Antidemokraten" promovierte. Selbst der Vergleich mit dem zum Ende seiner Amtszeit wohl dementen Heinrich Lübke machte die mediale Hämerunde. Mit Köhlers Rücktritt war das deutsche Volk offenbar von schwerer Last befreit.

Wer sich dieser Tage jedoch durch Leserbriefspalten kämpft, bekommt ein anderes Bild. Die durch Umfragen vor und nach dem Rücktritt belegte Volksnähe, hier findet sie ihren teils wütenden Niederschlag, wenn viele Köhler "gegen den ganzen verrotteten Politikbetrieb" als ehrliche Haut unter Geiern verteidigen. Jedenfalls markieren die diametralen Sichtweisen zwischen den Regierenden und den Regierten eine tiefe Kluft, die sich eine Demokratie auf Dauer nicht leisten kann.

Es heißt nun, der schwäbische Protestant sei als Seiteneinsteiger dem höchsten Amt wohl nicht ganz gewachsen gewesen. Zugegeben, ein begnadeter Redner war er gewiss nicht. Doch hat ihm dieses vermeintliche Manko möglicherweise den Zugang zu jenen Menschen erleichtert, die man gewöhnlich zu den "einfachen" zählt.

Köhler wurde für das Politikgeschäft und den Medienzirkus inkompatibel. Nicht zuletzt, weil die "Entscheider" seit geraumer Zeit gar nicht mehr wissen wollten, was er zu sagen hatte. Als er zugunsten des Klimas die Erhöhung der Benzinpreise forderte, beging er für die Repräsentanten einer autokranken Nation den Sündenfall. Für sein besonderes Thema "Afrika" interessiert sich in Wahrheit auch kaum jemand aufrichtig, und als er die internationalen Finanzmärkte als Moloch bezeichnete, war er endgültig isoliert unter jenen, die ihn ins Schloss Bellevue befördert hatten. Er sang falsch im Chorus mysticus der Beschwichtiger und vermeintlichen Krisenbewältiger. Von den eigenen Leuten politisch im Stich gelassen, störte er die Routiniers der Macht mehr und mehr. So blieb ihm - verstörend auch für mich, weil in dieser politischen Lage nicht zu verantworten - wohl nur der Griff zur Notbremse auf freier Strecke.

Doch Teile der etablierten Politik sind in ihrer Selbstbezogenheit für Signale dieser Art längst taub geworden, unfähig, den präsidialen Paukenschlag zu verstehen. Nach der Methode Business as usual gaben sich alle Beteiligten ohne Zögern ihrem Lieblingsspiel hin, dem heiteren Namenraten für die nächste Runde. Der als Nachfolger des "glücklosen Politamateurs" erneut ausgekungelte Allzweckpolitiker soll wie gehabt aus der Mitte der Firma kommen, damit künftig alles wieder seine Ordnung hat. Welche Ordnung? Nichts ist erledigt!

Klaus Staeck ist Verleger und Grafiker.

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