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Justizia ist wachsam.
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Justizia ist wachsam.

Kolumne

Knetmännchen auf der Richterbank

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Was wäre die Justiz ohne Folklore! Nehmen wir zum Beispiel die Schöffen. Wer braucht sie eigentlich noch?

Nach wie vor sitzen in deutschen Schwurgerichten ehrenamtliche Schöffen herum. Das ist schön anzuschauen, hat aber keinerlei Nutzwert. Man kennt sie aus alten Kirchen: die Gargoyles – mehr oder minder possierliche Wasserspeier, die auf dem Dachfirst ihr Dasein fristen. Steinern und stumm glotzen sie dort in die Landschaft, durch die Erfindung der Regenrinne ihres Nutzwerts weitgehend beraubt. Immerhin: Wenn es regnet, ergießt sich aus ihren Mäulern ein Wasserschwall, und das ist ja immerhin etwas.

Das ist dann auch schon der wesentliche Unterschied zwischen Gargoyles und Schöffen am Schwurgericht. Denn in deutschen Gerichtssälen regnet es nicht (auch wenn das zumindest in den maroden Frankfurter Justizgebäuden lediglich noch eine Frage der Zeit zu sein scheint). Unbedarften Beobachtern erscheint der Schöffe zumeist als ziemlich überflüssig. Vielen Berufsrichtern übrigens auch.

Den Schöffen erfunden hat Karl der Große, und das aus gutem Grund. Denn zuvor oblag die Rechtsprechung dem Thing, einer Versammlung sämtlicher männlicher Erwachsener eines Dorfes. Zuviel Gebabbel, entschied der große Karl, und legte die Justiz in die Hände der Schöffen – honorige Männer, die im Sinne aller Recht sprechen sollten.

Blinddarm der Justiz

Die heutigen Schöffen sind ein eher trauriges Überbleibsel dieser Tradition, so eine Art Blinddarm der Justiz. Sie sollen verhindern, dass sich Volksempfinden und akademische Justiz allzu weit voneinander entfernen. Die Justiz sei ein zu hohes Gut, als dass man es allein den Profis überlassen dürfe. So weit die Theorie. In der Praxis entsprechen die Schöffen freilich dem Bild, das Kollege Michi Herl einst in gerechtem Zorn über die Kasseler gezeichnet hat: lebensgroße, stumme Knetmännchen.

Das ist nicht die Schuld der Schöffen. Wenn man etwa einem Ingenieur, der eine Brücke bauen soll – was ja durchaus auch eine Aufgabe von öffentlichem Interesse ist – einen Bäcker und einen Unternehmensberater bei der Planung zur Seite stellen würde, dann würde der Bäcker vielleicht dazu raten, das Bauwerk aus Lebkuchen zu errichten, und der Unternehmensberater dazu, die Bauarbeiter rauszuschmeißen. Der Ingenieur würde dann beiden geduldig erklären müssen, dass das nicht möglich sei. So in etwa muss man sich auch die Urteilsfindungsgespräche zwischen Profi- und Laienrichtern vorstellen, die vielleicht auch deshalb stets hinter verschlossenen Türen stattfinden.

In anderen Branchen als der Justiz hat sich das Schöffensystem übrigens nie etabliert. Schade eigentlich. Gerne wäre man dabei, wenn zwei per Gesetz bestellte anständige Bürger etwa im Vorstand der Deutschen Bank säßen und Herr Fitschen ihnen erklären müsste, warum Hochfrequenzhandel und Derivatgeschäfte unverzichtbare Bestandteile eines knorken Finanzwesens sind. Oder wenn im VW-Aufsichtsrat zwei ehrenamtliche Helfer Herrn Piech das Pillen reichen, wenn es mal wieder rappelt, und ihn mahnen, in seinem Alter doch besser auf den Blutdruck zu achten. Aber da sitzen keine Schöffen. Und wenn da welche säßen, würden sie vermutlich auch dort nie den Mund aufmachen, weil sie überfordert sind. Und wenn sie doch den Mund aufmachten, würde vermutlich kein Schwein auf sie hören.

Warum sollte das ausgerechnet bei der Justiz anders sein?

Stefan Behr ist Gerichtsreporter der FR.

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