KOLUMNE

Knast: 3,1 Sterne

  • Katja Berlin
    vonKatja Berlin
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Einkaufszentrum, Park, Hotel, JVA: Im Internet wirdalles bewertet. Und wenn selbst der verrufenste U-Bahnhof ein Lob bekommt, kann die Welt so schlecht doch nicht sein.

Das Internet hat unsere Sicht auf die Welt verändert. Wir wussten ja früher gar nicht, wie wichtig lustige Tiervideos für unseren Büroalltag sind oder dass Menschen auf die Barrikaden gehen, nur weil man eine fiktive Oma in einem Kinderlied Umweltsau nennt.

Wenn wir heutzutage über das Internet reden, dann meistens über den Hass darin. Früher mussten wir noch unseren geballten Frust im Straßenverkehr rauslassen, dann bescherten uns Facebook und Twitter ein weiteres Ventil. Dabei war Facebook ursprünglich gar nicht als Plattform für Urlaubsfotos und Verschwörungstheorien gedacht, sondern um das Aussehen von Frauen zu bewerten.

Mark Zuckerbergs Ursprungsidee war es, Jahrbuchfotos von Studentinnen ohne deren Erlaubnis online zu stellen und Nutzer das attraktivere von jeweils zwei zufällig ausgewählten Fotos wählen zu lassen. Weil es deshalb aber sehr schnell zu Protesten kam, ging die Seite wenige Tage später offline, und Mark Zuckerberg änderte sein Konzept.

Dabei hatte Zuckerberg ein exzellentes Gespür dafür, was im Internet gut funktioniert: Sexismus, Urheberrechtsverletzungen und Bewertungen. Bewertungen sind heute omnipräsent. Wer in einem Hotel übernachtet hat, wird hinterher per E-Mail um seine Meinung gebeten, wer online einen Tisch in einem Restaurant gebucht oder etwas gekauft hat, ebenso. Während ich diese unerwünschten Mails sofort genervt lösche, gibt es viele Menschen, die der Bitte nachkommen, selbst wenn sie gerade gar kein Ventil brauchen. Ich habe größten Respekt vor der Energie von Leuten, die ein ganz okayes Hotel im Internet bewerten.

Die großen Internetunternehmen haben aus uns Kritiker gemacht, die sich längst nicht mehr nur um Konsum- oder Kulturprodukte kümmern, sondern mittlerweile alles bewerten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Wer Orte in Berlin googelt, stößt deshalb fast immer auf eine große Sammlung an Rezensionen.

Das Gesundbrunnen-Center etwa hat über 9000 Google-Rezensionen bekommen, die ihm insgesamt vier von fünf Sternen geben. Wer im trüben Januar ein bisschen Aufmunterung sucht, möge hier die positiven Kommentare lesen. So schlecht kann der Mensch doch gar nicht sein, wenn er derart liebe Worte für ein Einkaufszentrum findet.

Den daneben gelegenen Humboldthain haben 1500 Nutzer rezensiert, auch überwiegend positiv. Bei 4,4 von fünf möglichen Sternen und dem Wort „schön“ in fast jeder Bewertung kann der Park wirklich stolz auf sich sein. Den Großen Tiergarten haben sogar 16 000 Leute bewertet und ihm 4,6 Sterne gegeben. Tausende Menschen haben hier ein paar nette Sätze geschrieben, um ihrer Freude über diesen öffentlichen Park Ausdruck zu verleihen.

So viel zum Vorurteil vom ruppigen Berliner, der am meisten lobt, wenn er nüscht zu meckern hat. Und selbst Berlins Angstgegner werden nicht in Grund und Boden kritisiert. Das Finanzamt Wedding bekommt stolze 4,2 Sterne, die JVA Tegel immerhin 3,1 und die Agentur für Arbeit in Mitte noch ganz lieb gemeinte 2,6 Sterne. Irgendwie finden sich für alles auch positive Kommentare, sogar für den U-Bahnhof Kottbusser Tor („Hier gibt’s das beste Heroin der Stadt“).

Das Internet kann durchaus auch ein Ort der Liebe und Komplimente sein, man muss vielleicht nur genauer hinschauen.

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