Berlin

Kluger Winter

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Kälte, verdreckte Bürgersteige, Böller bis tief hinein in den Januar: Berlin hat verstanden, wie man potenzielle Zuzügler abschrecken kann. Die Kolumne.

Der Winter in Berlin beginnt für mich traditionell immer dann, wenn ich anfange, diese Stadt zu hassen. Irgendwann kommt jedes Jahr der Punkt, an dem ich mit Vitamin-D-Mangel durchs Graue laufe und meine Umgebung auf einmal ganz anders wahrnehme als in den anderen Jahreszeiten.

Heute war es so weit. Mein Kiez sieht aus, als wäre die Müllabfuhr über alle Bürgersteige gefahren und hätte sich langsam Stück für Stück ihrer Ladung entledigt. Dabei handelt es sich nicht nur um Böllerreste und zersplitterte Flaschen, sondern auch um Kartons, Kleidungsstücke, Windeln und alles, was der Hausmüll sonst noch so hergibt. In den kahlen Baumwipfeln hängen Plastiktüten, aus dem benachbarten Kiez böllert es immer noch, Fußgängerüberwege sind zugeparkt, und überall liegt Hundekacke.

Ich bin gerade so dermaßen abgestoßen von Berlin, ich könnte glatt Politikerin in Baden-Württemberg werden. Dazu liegt eine Freudlosigkeit über der Stadt, die nach und nach alle Menschen befällt. Spaß und Ausgelassenheit sind in der Winterpause. Eine absolut nicht repräsentative Umfrage in meinem Freundeskreis hat das zu 100 Prozent bestätigt.

Zwar haben fast alle gute Vorsätze gefasst, aber unter diesen Vorsätzen fanden sich exakt kein einziges Mal tolle Sachen wie doppelt so viel Sex haben, öfter tanzen gehen oder häufiger Abenteuer erleben. Stattdessen hörte ich nur von mehr Sport und Gewichtsreduktion. Ein Freund sagte mir, er habe sich vorgenommen, im neuen Jahr mehr zu trinken. Endlich mal was Lustiges, dachte ich, aber dann stellte sich heraus, dass er Wasser meinte, und ich schlief vor Langeweile ein.

Aber wie jede Berlinerin bin ich natürlich prädestiniert dafür, alles immer auch positiv zu sehen und niemals, wirklich niemals übertrieben über Dinge zu meckern, die ich nicht ändern kann. Deshalb begrüße ich andererseits auch den Berliner Winter mitsamt seiner Lethargie, dem Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz, den gemeingefährlichen Zuständen in der Silvesternacht und der nasskalten Witterung.

Ich glaube nämlich fest daran, dass nur dadurch der Quadratmeterpreis unter 20 Euro bleibt. Hätten wir in Berlin das ganze Jahr über Sommer, würden uns nicht nur 300 000 bezahlbare Wohnungen fehlen, sondern drei Millionen. Allein die Zeit zwischen November und Ende März, also gefühlte zehn Monate, sorgt dafür, dass die Stadt nicht aus allen Nähten quillt.

Jeder Tourist, der über Silvester nach Berlin kommt, ist ein potenzieller Zuzügler weniger. Die Stadt weiß natürlich darum, weshalb klugerweise diese große Party am Brandenburger Tor veranstaltet wird. Wer dort frierend in der Menge stand und anschließend mit Böllern beschmissen wurde, wird so schnell nicht hierherziehen wollen. Und das spricht sich ja auch rum.

Vor dem Berliner Winter wird unter Neuankömmlingen häufiger gewarnt als vor der Türpolitik im „Berghain“. Insofern ertrage ich den Winter mit der größtmöglichen Gelassenheit. Wenn das der Preis dafür ist, dass wir die Berliner Sommer erleben können, dann zahle ich ihn vielleicht nicht gerne, aber ich zahle ihn.

Mein guter Vorsatz fürs neue Jahr lautet aber natürlich trotzdem, den nächsten Winter nicht in Berlin zu verbringen. Bitte erinnern Sie mich rechtzeitig daran. 

Katja Berlin ist Autorin. 

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