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„Flatten the Curve“ – also das Abflachen der Kurven, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden – das war im Frühjahr das Hauptargument für einen Lockdown.
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„Flatten the Curve“ – also das Abflachen der Kurven, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden – das war im Frühjahr das Hauptargument für einen Lockdown.

Leitartikel

Klug und umsichtig

  • Tim Szent-Ivanyi
    vonTim Szent-Ivanyi
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Es muss genau geschaut werden, mit welchen wirksamen Mitteln sich die Pandemie einhegen lässt. Zwang wird nicht reichen. Der Leitartikel.

Kann man eine aus dem Ruder gelaufene Dauerwelle mit einem Wellenbrecher in den Griff bekommen? Wäre die Lage nicht so ernst, man könnte darüber lachen, wohin der Gebrauch von schiefen Sprachbildern führen kann. Deshalb sollte man bei den Fakten bleiben, die die Situation realistisch beschreiben und für alle nachvollziehbar sind. Das sind nicht etwa die Infektionszahlen, die schließlich nur auf mehr oder weniger zufälligen Testungen beruhen, sondern die Krankenhausdaten.

Innerhalb von nur vier Wochen hat sich die Zahl der Corona-Erkrankten, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, vervierfacht, und zwar auf rund 1400. Die Rate derjenigen der Patientinnen und Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, ist ebenfalls um den Faktor vier gestiegen, auf über 600. Das sind die Zahlen, die beunruhigen müssen. „Flatten the Curve“ – also das Abflachen der Kurven, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu vermeiden – das war im Frühjahr das Hauptargument für einen Lockdown. Nun scheint das wieder das Gebot der Stunde.

Doch die Lage ist nicht vergleichbar. Folgt man den Erkenntnissen der Wissenschaft, sind Schulen, Kitas, Geschäfte, der öffentliche Nahverkehr, Hotels sowie Theater- oder Kinoaufführungen keine gefährlichen Infektionsherde, solange die Abstands- und Hygieneregeln (die es im Frühjahr noch nicht gab) eingehalten werden.

Hotspots sind weitgehend die Orte, wo die Regeln ungewollt oder gewollt nicht befolgt werden, also etwa in Altenheimen, wo die Pflege der Bewohnerinnen und Bewohner ohne direkten Kontakt gar nicht möglich ist. Oder aber bei privaten Begegnungen im Freundeskreis in Restaurants, auf Partys oder Hochzeiten. Man gibt sich die Hand, man umarmt sich, man redet laut miteinander, um die Musik zu übertönen, man tanzt zusammen. Abstandhalten und Maske-Tragen? Meist Fehlanzeige.

Ansatzpunkt muss deshalb sein, diese Infektionsherde einzudämmen: Frühe Sperrstunden in Gaststätten, den Alkoholverkauf beschränken, private Kontaktmöglichkeiten begrenzen. Dabei sollte bundesweit einheitlich und mit Augenmaß vorgegangen werden. Dazu gehört, die Auswirkungen der neuen Einschränkungen zeitnah und wissenschaftlich korrekt zu untersuchen und nachzusteuern, wenn die eine oder andere Maßnahme nicht die erhoffte Wirkung zeigt oder so gut funktioniert, dass sie gelockert werden kann. Ein allgemeiner Lockdown hieße dagegen – um in schiefen Bildern zu bleiben – mit Kanonen auf Spatzen zu schießen.

Gleichzeitig zeigt die Entwicklung der vergangenen Monate jedoch, dass es nicht gelingen wird, die Pandemie allein mit Schutzregeln und der Nachverfolgung von Kontakten in den Griff zu bekommen. Wir werden noch viele Monate mit dem Virus leben müssen und dabei immer wieder erleben, dass die Vorsichtsmaßnahmen aus unterschiedlichen Gründen versagen. Deshalb ist es dringend nötig, zweigleisig zu fahren. Dem besonderen Schutz von älteren Menschen und chronisch Kranken muss deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Dabei geht es nicht darum, diese Menschen zu isolieren. Es liegen vielmehr bereits zahlreiche ernstzunehmende Vorschläge auf dem Tisch, etwa mehr Unterstützung für Pflegeheime durch spezielle Notfall- und Testteams, reservierte Öffnungszeiten für Risikogruppen, die kostenlose Abgabe von FFP2-Masken an diese Menschen oder großzügige Regelungen bei Taxifahrten zum Arzt. Sicher, das kostet alles viel Geld. Aber diese Ausgaben sind gut angelegt, denn sie verhindern nicht nur teure Behandlungen, sondern sie schützen Leben.

Es ist fahrlässig, dass Bund und Länder derartige Vorschläge bislang ignorieren und sich allein auf restriktive Maßnahmen konzentrieren – zumal hier bereits ein Abstumpfungsprozess eingesetzt hat. Die immer gleichen Argumente, Aufrufe und Mahnungen kommen in Teilen der Bevölkerung nicht mehr an, und zwar zunehmend auch dort, wo es gar keine Corona-Leugner gibt.

Deshalb wird in der Krisenkommunikation empfohlen, positive Botschaften zu setzen. Nicht: Wir zwingen Dich unter der Androhung von Sanktionen dazu, die Regeln einzuhalten. Sondern: Wir tun etwas für die besonders gefährdeten Mitbürgerinnen und Mitbürger, und Du musst uns dabei helfen.

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