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Greta Thunberg hat eine Klimaschutzbewegung initiiert - und steht dafür in der Kritik. 

Klimawandel

Wer Panik macht, hilft Greta Thunberg - und rettet die Welt

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Konjunktur der Horrormeldungen: Manche Nachricht wird erst wichtig, wenn man den Konjunktiv weglässt. Doch das hilft eigentlich nicht. Die Kolumne. 

„Ich will, dass ihr in Panik geratet.“ Das hat Umweltaktivistin Greta Thunberg im Winter gesagt. Nun, manchmal werden Wünsche war. Was inzwischen geschah: Fernsehprofessor Harald Lesch etwa bekannte, er versetze sich stundenweise in katatonische Starre, um weniger Kohlendioxid auszustoßen. Die Stadt Konstanz rief den Klimanotstand aus. Der Deutsche Wetterdienst DWD veröffentlichte eine Pressemitteilung.

Die Bundesbehörde gab bekannt: „Sollte die trockene Witterung in den kommenden Monaten anhalten, könnte sich die Dürre des Jahres 2018 wiederholen oder sogar übertroffen werden.“ Das war mal eine wirkliche Wahrheit: Falls es auch diesen Sommer kaum regnet, wird die Erde erneut nicht nass. Die Nachrichtenagentur dpa gab der Erkenntnis eine schnittige Überschrift mit auf den Weg in die angeschlossenen Redaktionen: „DWD: Deutschland könnte neuer Dürresommer bevorstehen.“ Da stand das Elend immerhin noch im Konjunktiv.

Jörg Kachelmann hält Klimameldungen für falsch 

Aber nicht mehr lange. Auf mysteriöse Weise wurden daraus binnen Minuten amtliche Hiobsbotschaften wie „DWD rechnet mit Dürresommer“ (Bayerischer Rundfunk) oder „Deutschland droht weiterer Dürresommer“ (faz.net). Darob erschraken DWD wie dpa und brachten, um die Kolporteure zu bändigen, eine Relativierung in Umlauf: „DWD: Bei anhaltender Trockenheit könnte neuer Dürresommer bevorstehen“. Doch, ach, vergebens: „Bild“ lag mit „Meteorologen sicher! Sahara-Sommer mit Mega-Dürre droht“ bereits am Kiosk. Auf welt.de kollidierte die Schlagzeile „Ein weiterer Horrorsommer droht“ charmant mit einem sachlich-korrekten Textbeginn: „Niemand kann derzeit vorhersagen, wie der Sommer wird, auch Meteorologen nicht. Das versucht der Deutsche Wetterdienst darum gar nicht erst.“

Annalena Baerbock ist Chefin einer recht witterungsabhängigen Partei. Sie guckte dem geschenkten Gaul selbstredend erst recht nicht ins Maul und schrillte: „Neue Dürrewarnungen zeigen an, dass die Klimakrise sich dramatisch verschärft.“ Ja, Panik!

„Es droht ein neuer #Dürresommer! Doch die #Groko handelt nicht“

Warum etwas prüfen, was zur Agenda passt? Greenpeace twitterte: „Ein neuer #Dürresommer scheint im Anmarsch. (…) Mit weitsichtiger Politik kriegen wir das Problem in den Griff.“ Manchmal aber auch, indem wir nicht nur die dicken Buchstaben, sondern die ganze Meldung lesen. Als dann noch die FDP-Bundestagsfraktion sich mit „Es droht ein neuer #Dürresommer! Doch die #Groko handelt nicht“ bemerkbar machte, sah es ganz kurz so aus, als hätte wenigstens die große Koalition noch alle Tassen im Schrank.

Der Meteorologe Jörg Kachelmann behauptet, die meisten Medienberichte zu Wetter und Klima seien „teilweise falsch“ oder „mutwillig erfunden“. Er sieht dahinter Sensationsgier und die Tatsache, dass Petrus‘ Anwälte keine Abmahnungen schicken. Für Kachelmann ist die flächendeckende und fortgesetzte Verbreitung des Dürresommermärchens ein „Dammbruch“. Er meint das negativ. Der Kerl hat nichts verstanden.

Es ist nämlich nicht nur so, dass man klimaapokalyptische Tatarenmeldungen reinsten Gewissens unters Volk bringen kann, nein, Katastrophenwarnungen sind ein medienethischer Imperativ. Wer Panik macht, hilft Greta und rettet die Welt. Ich bin dabei. Mein Beitrag lautet: Falls der Fernsehturm einem treibhauseffektiven Tornado der Stufe F6 nicht standhält, weht er eventuell bis aufs Kanzleramt. Sollte es danach nie wieder regnen, werden die Tomaten teurer.

André Mielke ist Autor.

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