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Die Sonne lacht vom Himmel, die Krokusse sprießen.

Klimawandel

Der Frühling ist zu früh dran und zu warm

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Der Frühling kommt etwas zu früh. Für Eisdielen beginnt die Hochsaison, für Kröten und Kraniche die Wanderzeit. Das ist nicht nur erfreulich.

Da ist er wieder, der Frühling! Dieses Jahr macht er seinem Namen ganz besondere Ehre. Denn er ist tatsächlich sehr früh dran. Außerdem beginnt er ein bisschen zu warm. Aber der Sommer hat ja auch länger gedauert als üblich.

Sonnenanbeter freut das, und vor den Eisdielen bilden sich lange Schlangen. Viele dieser Inseln italienischen Glücksgefühls in den Fußgängerzonen deutscher Siedlungen dümpeln in der Winterzeit vor sich hin. Doch mit den ersten warmen Sonnenstrahlen laufen „Dolomiti“ und „Bella Venezia“ wieder zur Hochform auf.

Den Ruf nach due espressi, einem Plural, der herrlich italienisch klingt, den aber kein Italiener je benutzen würde, nehmen die fleißigen Bedienungen gelassen hin. Sie haben sich so in ihre zweite – oder inzwischen erste – Heimat integriert, dass sie die italienische Semantik in den Hintergrund rücken.

Würde man, wie in Italien üblich, due caffè bestellen, bekäme man hierzulande leider allzu oft das, was auch in England als Kaffee durchgehen würde. Also besser „due espressi“, oder in Brutalform „zwei Expressos“.

Davon bekommen die Wildgänse und Kraniche, die über eben jene Fußgängerzonen fliegen, kaum etwas mit. So wie umgekehrt auch die Kunden der Straßencafés kaum von ihnen Notiz nehmen.

Die Vögel sind getrieben vom Frühlingseinbruch und wollen aus den Winterquartieren in ihre nördlichen Brutgebiete. Sie fliegen nicht nur tagsüber und gut sichtbar in ihren keilförmigen Formationen, sondern auch nachts. Ornithologen und späte Kneipenheimkehrer bekommen die Rufe in der Dunkelheit durchaus mit. Oder die Raucher, die abends noch schnell auf dem Balkon eine quarzen. Quarzen? Der Duden führt das Wort seit 15 Jahren, keiner weiß, woher es kommt.

Zugvögel bleiben gleich hier

Dagegen wissen wir bei den Zugvögeln ziemlich genau, woher sie kommen, und auch, wohin sie ziehen. Doch da ist einiges im Umbruch. Lange Sommer, milde Winter und ein früher Frühlingsbeginn führen seit Jahren dazu, dass manche Zugvögel gleich hier bleiben, statt den beschwerlichen Zug zwischen Sommer- und Winterquartier anzutreten.

Am Boden beginnen jetzt auch die Lurche mit ihren Wanderungen. Die Erdkröte fällt als massenhafter Wanderer im zeitigen Frühjahr besonders auf. Dass ihre Lebensräume inzwischen vielerorts zerschnitten sind, hat ihr die Evolution bisher nicht beibringen können.

So wandert sie aus den Winterquartieren munter über Straßen zu den Laichgewässern. Weibliche Erdkröten tragen dabei ihre Männchen zur Paarung auf dem Rücken, doch diese traute Zweisamkeit endet alljährlich hunderttausendfach unter Autoreifen. 

Die saisonalen Warnschilder „Achtung Krötenwanderung“ machen zwar auf sie aufmerksam und es wurden vielerorts Leitzäune und Tunnel geschaffen, um den Straßentod dieser und anderer Lurcharten zu verhindern. Damit ließ sich der Abwärtstrend der Populationen immerhin lokal abpuffern. Doch an zu vielen Stellen bleiben diese Frühlingswanderungen ein bestandsbedrohendes Gemetzel.

Welche Auswirkungen der Klimawandel als zusätzliche Gefahr auf die Lurche hat, ist noch nicht klar. Was aber nicht bedeutet, dass er für sie folgenlos ist.

Der frühe Frühling mag uns Menschen vordergründig angenehm erscheinen. Bei Cassata und Stracciatella kann man aber genussvoll darüber sinnieren, ob er uns als weiteres Zeichen des Klimawandels nicht eher beunruhigen sollte.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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