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Viele Lebensmittel landen erst gar nicht auf unseren Tellern, sondern in der Tonne.

Grünen-Politikerin über Klima und Ernährung

Renate Künast: Den Klimaschutz auf den Teller bringen!

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Der Energiewende muss eine Ernährungswende folgen. Unser Lebensstil des Raubbaus muss ein Ende haben.

Klimaschutz ist keine Frage des Wollens, sondern ein Muss. Andernfalls landen wir in einer irreversiblen Katastrophe. Klimaschutz braucht eine Vision mit klaren Vorgaben in allen Bereichen: Das Klimaabkommen von Paris, die ökologische Modernisierung der Wirtschaft und der Abbau klimaschädlicher Subventionen gehören mit dazu. Aber auch eine Umstrukturierung unseres Ernährungs- und Landwirtschaftssystems, das in seiner derzeitigen Form gescheitert ist. Deshalb wird der Energiewende eine Ernährungswende folgen müssen.

Viele Produktionsweisen und der Transport unserer Nahrung sind mit den Klimazielen nicht zu vereinbaren. Die Art unserer Ernährung macht ein Fünftel der Klimabilanz aus. Vor allem tierische Lebensmittel haben einen großen CO2-Fußabdruck.

Viele unserer Lebensmittel landen erst gar nicht auf unseren Tellern, sondern in der Tonne, obwohl ihre Herstellung erhebliche Ressourcen verbraucht und Klimagase verursacht. 2,6 Millionen Hektar, eine Fläche so groß wie Mecklenburg-Vorpommern, werden umsonst bewirtschaftet, 22 Millionen Tonnen Treibhausgase überflüssig ausgestoßen.

Gleichzeitig werden unsere Lebensmittel zwar in den Geschäften vermeintlich immer billiger, aber für die Gesellschaft – ob für den Landwirt oder Städter – immer teurer. Ihre Herstellung geht zulasten von Mensch, Natur und Umwelt. Die Landwirtschaft verschärft mit ihrer jetzigen Produktionsweise die Klimakrise und ist für 15 Prozent aller Treibhausgase in Deutschland verantwortlich.

Renate Künast ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Ernährungspolitik der Fraktion.

Dieser Produktions- und Lebensstil des Raubbaus muss ein Ende haben, dazu brauchen wir einen grundlegenden Strukturwandel. Wir müssen weg von einem agrarindustriellen System hin zu einer nachhaltigen Produktion von gesunden und guten Lebensmitteln, die die Natur achtet und regenerativ ist. In Zukunft müssen wir also den Fokus konsequent auf saisonale, regionale und ökologisch hergestellte Lebensmittel legen und weniger Fleisch essen. Das fängt bei der Verpflegung in Kindertagesstätte, Schule und Universität an und betrifft ebenso das Essensangebot in Krankenhäusern, Pflegeheimen und öffentlichen Kantinen.

Das Gute daran: Eine solche Ernährung ist nicht nur besser für Klima, Umwelt und Böden, sondern auch für unsere Gesundheit. Denn für eine gute und ausgewogene Ernährung brauchen wir weder Erdbeeren im Winter noch mehrmals wöchentlich Salami oder Schnitzel auf dem Teller. Klar ist, wie und was wir hier essen, hat Auswirkungen – und zwar oft bis in die kleinsten Dörfer Südamerikas.

Aber es gibt bereits einen Wandel, der immer sichtbarer wird. Viele gehen in Sachen Ernährungswende mit gutem Beispiel voran. So gibt es seit Jahren eine Ernährungsbewegung, die stetig wächst. Menschen, die so wie kommenden Samstag für ein Umdenken in der Nahrungsproduktion auf die Straße gehen bei der „Wir haben es satt“-Demo. Oder es werden Unternehmen gegründet, um anders zu produzieren. Die Erkenntnis, dass Essen eine politische Handlung ist, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Ob Kopenhagen mit seinem House of Food und einem Bioanteil von 90 Prozent in der Gemeinschaftsverpflegung oder Berlin, wo gerade eine Ernährungsstrategie auf den Weg gebracht wurde, die sich am dänischen Modell orientiert. Es bewegt sich was, insbesondere in den Städten.

Die Europäische Kommission stellte vor kurzem den European Green Deal vor, mit dem Ziel, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Ein Schlüsselelement ist die „Farm to Fork“-Strategie für nachhaltige Lebensmittel, die hoffentlich keine Worthülse bleibt. Ob diese Strategie gelingt, hängt aber gerade von den EU-Staaten ab und inwiefern sie bereit sind, zeitnah wirksame und verbindliche Maßnahmen auf den Weg zu bringen.

Auch auf der diesjährigen Internationalen Grünen Woche geht es um nachhaltige Entwicklung von Lebensmitteln. Ob alternative Proteinquellen, neue intelligente Verpackungslösungen, die Reduzierung von Lebensmittelabfällen oder die Stärkung regionaler Produzenten: Ziel muss eine ressourcenschonende Nahrungsmittelproduktion sein.

Ohne Agrarwende läuft nichts. Das bedeutet auch, dass wir die sechs Milliarden Euro klimaschädlicher EU-Subventionen umwandeln und mit dem Geld künftig eine nachhaltige klimafreundliche Landwirtschaft fördern. Wirkliche Veränderungen wird es nur geben, wenn es wirtschaftliche Alternativen zum jetzigen System „Wachse oder weiche“ in der Landwirtschaft gibt und die Landwirte dann belohnt werden, wenn sie Umwelt, Klima und Tiere schonen.

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