Klimaschutz

Jetzt wird es ernst

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Es ist gut, wenn alle mitmachen wollen beim Klimaschutz. Doch er darf nicht bei einem Hashtag, einer Pressemitteilung oder einem Autoaufkleber aufhören. Er muss konsequent umgesetzt werden.

Alle sind jetzt also Klima. Unternehmen rufen dazu auf, die „Fridays for Future“-Demonstrationen zu unterstützen, und geben dafür ihren Beschäftigten frei. Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht von einer „Menschheitsherausforderung“. Markus Söder, der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident, als Superlativ-Experte sonst bisweilen als „Riesen-Fan“ des britischen Königshauses und von Fürstin Gloria unterwegs, erklärt seine Partei zum Ursprung aller Umweltpolitik, gemäß dem Motto des Schweizer Kräuterbonbon-Werbefilms „Wer hat’s erfunden?“

Die Debatte hat sich also gedreht. Klima- und Umweltpolitik waren Nischenthemen, lästige Störfaktoren, die Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie und in der Landwirtschaft gefährdeten. Die Grünen galten als Chaoten in Strickpullovern. Als sie im Bundestagswahlkampf 1990 verkündeten „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Wetter“, flogen sie aus dem Parlament.

Noch Anfang dieses Jahres rückte die Kanzlerin die „Fridays for Future“-Schülerdemonstrationen fürs Klima in die Nähe von Internet-Desinformationskampagnen. In der CDU-Zentrale sorgte man sich weniger um ansteigende Temperaturen als um die Schulpflicht der Demonstrantinnen. FDP-Chef Christian Lindner wies die Schülerinnen und Schüler zurecht, Klimapolitik sei eine „Sache für Profis“ und damit eine Nummer zu groß für sie.

Nun reden tatsächlich alle vom Wetter. Klimaschutz ist – ganz temperaturunabhängig – der „heiße Scheiß“, das „It“-Accessoire der deutschen Tagespolitik. Will man jetzt, sagt man, fordert man.

Das ist schon mal nicht schlecht, weil es den Handlungsdruck bei einem wichtigen Thema erhöht und weil es die mitreißen kann, die bislang zögerlich an der Seite stehen und noch abwarten, sei es aus Desinteresse oder aus Skepsis – oder weil sie den Aufwand scheuen, den es bedeutet, sich dem Klimawandel nicht nur auf der Straße entgegenzustellen. Firmen müssen dafür Produktionsweisen und Produkte umstellen und der Einzelne sein Konsumverhalten. Aber das ist der Punkt: Entscheidend ist, ob und wie aus dem Wollen das Tun wird.

Klimaschutz muss mehr sein als der Versuch, etwas abzubekommen vom Scheinwerferlicht, das sich auf die Schülerdemonstranten mit ihrer beträchtlichen Durchhaltefähigkeit richtet. Es muss mehr sein als eine PR-Aktion, das Sponsoring von Demo-Equipment und das Tragen bedruckter T-Shirts. Es muss mehr sein als das gute Gefühl, dabei zu sein bei einer Bewegung, die nicht nur mit wichtigen Zielen assoziiert wird, sondern auch mit Schwung und Leidenschaft Entscheidendes bewirkt.

Wichtiger ist also, ob und was daraus folgt. Engagement und das Interesse dürfen nicht zusammenbrechen, wenn der große „Fridays for Future“-Demonstrationstag in dieser vorbei ist, wenn in den Tagen darauf die Vereinten Nationen getagt haben, wenn Greta Thunberg vielleicht auch mal eine Pause macht.

Die Überzeugung darf nicht schwinden, wenn die Wirtschaft – wie zu erwarten – weiter ins Trudeln gerät. Sie darf sich nicht den leichten Ausweg suchen und über Kritik an Formen des Protests, wie die Blockade einer Automesse oder das Besetzen eines Waldes, das Anliegen infrage zu stellen.

Wie viel Ernsthaftigkeit in Bekenntnissen steckt, wird sich auch in den Reaktionen darauf zeigen, wenn etwa ein steigender Benzinpreis angekündigt wird. Damit daraus keine soziale Belastung wird, damit der Klimaschutz nicht zu einem (vermeintlichen) Elitenprojekt wird, sind kreative Lösungen gefragt: Wenn es zu lange dauert, bis Landgemeinden mit einem vernünftigen ÖPNV-Takt versehen sind – Unternehmen könnten einspringen und Busse finanzieren. Das ist klima- und sozialpolitisch sinnvoll. Das Gemeinwohl (und das eigene Prestige) lässt sich nicht nur durch die Co-Finanzierung von Fußballstadien befördern.

Die Bundesregierung wird in den nächsten Tagen ein aller Voraussicht nach milliardenschweres Klimaschutzpaket präsentieren. Es wird ein erster Schritt sein. Klimaschutz ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und zwar eine, die nicht bei einem Hashtag, einem Anstecker, einer Pressemitteilung oder einem Autoaufkleber aufhört. 

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