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Lobbyisten beleben die atomare Illusion neu.

Gastbeitrag

Sie ist nicht sauber: Klimaschutz geht nur ohne Atomkraft

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Lobbyisten beleben die atomare Illusion neu. Sie war, ist und bleibt aber Unsinn. Der Gastbeitrag.

Mit Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 verlor Atomkraft ihren strahlenden Nimbus. Das nicht mehr zu negierende „Restrisiko“ machte sie grau und hässlich, den Atomlobbyisten gingen die Werbeworte aus. Die Erneuerbaren Energien begannen ihren weltweiten Siegeszug. Die Klimakrise allerdings wurde lange – zu lange – verdrängt. Nun lässt sie sich nicht mehr ignorieren. Der größte Klimakiller Kohle muss so schnell wie möglich abgeschaltet werden. Und Atomlobbyisten wittern Morgenluft, ihren Restposten wieder vermarkten zu können.

Klimaschutz geht nur ohne Atomkraft 

Für die europäischen Atomwaffenstaaten Frankreich und Großbritannien kommt aus ganz anderen Gründen der Atomausstieg vorerst nicht infrage. Ohne sich von den nahezu grenzenlosen Baukosten, Bauzeiten und Sicherheitsmängeln europäischer Neubauprojekte in Flammanville, Olkiluoto und Hinkley Point beeindrucken zu lassen, planen sie neben Laufzeitverlängerungen ihrer Altreaktoren weitere Neubauten und wollen glauben, dass die dann besser und billiger seien. 

Vor dem Versagen der europäischen Atomindustrie bei den heutigen Reaktorprojekten fest die Augen verschließend, lassen sich auch osteuropäische Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien von den Versprechungen der Atomlobby in die Sackgasse atomarer Stromerzeugung locken.

Klimaschutz: Alte Argumentationsmuster bei Atomkraft 

Wie schon immer bei jeder Baulinie versprochen, sollen die neuen Reaktorlinien sicher sein, dazu flexibel einsetzbar, billig und auch noch das Atommüllproblem lösen. Die versprochenen Eigenschaften sind zum Teil neu, die Argumentationsmuster sind die alten.

Deutschland leistet der argumentativen Renaissance der Atomkraft Vorschub, weil das Reißen der eigenen Klimaziele nicht etwa mit eingestandener verfehlter Klimaschutzpolitik begründet wird, sondern gern mit der so schwierigen Gleichzeitigkeit von Atom- und Kohleausstieg.

Die Botschaft an andere Länder: Entscheidet euch zwischen Atomkraft und Kohle. Kohlekraft kann mindestens innerhalb der EU angesichts neuer ehrgeiziger CO2-Reduktionsziele und Strafzahlungen bei deren Verfehlung teuer werden – Atomkraft scheint dagegen billig, da Rückbau- und Endlagerkosten in den meisten Ländern noch verdrängt werden und das Risiko eines GAUs im eigenen Land immer als beherrschbar eingeschätzt wird.

Finanzielle Vorteile für die Atomkraft 

Auf EU-Ebene versuchen die sich für Atomkraft entscheidenden Länder zudem, finanzielle Vorteile für die Atomkraft auszuhandeln. Tatsächlich haben sie erreicht, Atomkraft in der europäischen Verordnung zur Taxonomie anders als Kohlekraft als nachhaltig durchgehen zu lassen, trotz des gleichzeitig anerkannten umweltschädigenden Charakters des Atommülls.

Das Wiedererstarken der atomaren Illusion ist ein augenfälliges Beispiel für das kurzfristige, eben gerade nicht nachhaltige, Denken in der Politik. Anstatt endlich entschlossen die Energiewende hin zu einem stark dezentral organisierten, angebotsorientierten Energiesystem anzugehen, wird aus Angst vor einem echten Umbau im alten auf Grundlast basierenden System verharrt: Geraten Kohlekraftwerke in Misskredit, werden Atomkraftwerke eben wieder schick. Risiken werden ausgeblendet, Folgekosten in die Zukunft verschoben.

Klare Haltung zur Atomkraft 

Wer einen Weg jenseits der Wahl zwischen Pest und Cholera gehen will, muss eine klare Haltung einnehmen. Deutschland hat heute einen Anteil von 40 Prozent Erneuerbaren im Strommix. Das ist noch keine Energiewende, aber ein verdammt guter Anfang. Jetzt gilt es, den Atomlobbyisten die Stirn zu bieten, die aufgebauten Hürden für den weiteren Ausbau abzuräumen und anderen Ländern zu zeigen wie Atom- und Kohleausstieg zusammen gehen und dabei Wertschöpfung und Arbeitsplätze schaffen. Stattdessen verstärkt sich das Gejammer über die Gleichzeitigkeit des Überwindens von Kohle und Atom und die Zaghaftigkeit im Vertrauen auf den eingeschlagenen Weg.

Mit Atomkraft ist das Klima nicht zu retten. Sie ist zu langsam, zu teuer, der Uranabbau nicht nur umweltschädigend und Menschenrechte ignorierend, sondern auch äußerst CO2-intensiv. Vor allem aber kann die Atomkraft kein Partner der Erneuerbaren Energien sein.

Atomkraftwerke sind nicht dazu gedacht, ständig hoch und runter geregelt zu werden, das beschleunigt die Versprödung des Reaktordruckbehälters und erhöht das Risiko. Grundlaststrom verstopft die Netze und passt nicht zur volatilen Stromerzeugung durch Erneuerbare. Deren Partner sind Speicher, keine Großkraftwerke. Wer Klimaschutz will, muss raus aus der Kohle und raus aus der Atomkraft. Die Atomlobbyisten interessiert das Klima nicht!

Sylvia Kotting-Uhl ist Grüne-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

Eigentlich ist der 2011 beschlossene Atomausstieg schon lange in trockenen Tüchern. 2022 sollen die letzten Meiler vom Netz. Im Union-Wirtschaftsflügel wird der Ausstieg aber nun in Zweifel gezogen. Das provozierte ein Machtwort der Regierung.

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