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Greta Thunberg (links) und andere Klima-Aktivistinnen in New York.

Klimaschutz

Hartnäckige Politik statt Greta-Show? Dafür muss noch viel passieren, nicht nur freitags

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Werden sich die Kids von Fridays for Future auch langfristig engagieren? In Gremien, denen der Nachwuchs fehlt? Die Kolumne.

Jürgen ist einer der Umtriebigen. Stadtparlament, Gewerbeverein, Handballverein und und und. Seine Sorge: Schon bald werden Parlamentssitze leer bleiben, weil sich nicht mehr genügend Kandidierende finden. Und das in einer hessischen Gegend, in der Deutschlands berühmtester Ortsbeirat für einen speziellen Tiefpunkt sorgt. Wegen des NPD-Ortsvorstehers in der Waldsiedlung von Altenstadt.

Es ist derselbe Freitag, an dem mittags in der kleinen Stadt Hunderte Schülerinnen und Schüler bei die größten Demonstration seit langem ihre Botschaft durch den Ort rufen: Wir sind viel, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut. Am Nachmittag hat die große Koalition ihr kleines Klimapaket verkündet. Am Abend erzählt Jürgen, wie er neulich jemand zu einer lokalen Kandidatur überreden wollte.

Der junge Vater hat zugesagt, aber auch klargestellt: Die Kinderaugen zu Hause sind ihm wichtiger als jede Sitzung. In der abendlichen Runde nicken sie – und ein Älterer sagt: Heute denken alle so, wer wollte es ihnen übel nehmen? Man kann aber auch sagen: Wer sich auf einen Gegensatz zwischen Kinderaugen und Engagement einlässt, hat den Mut schon verloren.

Fridays for Future: Was wird mal aus diesen behüteten Protest-Kids, politisch?

Vielleicht ist das die spannendste und offenste Frage der deutschen Politik: Ob die Kids, die freitags so fröhlich demonstrieren, bereit sein werden, sich dauerhaft und gar in Gremien zu engagieren. Viele sind sie, laut sowieso. Die Erwachsenen jubeln ihnen zu, im Unterschied zu früher. Die lokalen Schulleitungen haben die Freitagspower regelrecht gesponsort durch kreative Abwesenheitsregelungen. Was aber wird mal aus diesen behüteten Protest-Kids, politisch?

Ihre Bewegung, wichtig für die Zukunft, tickt nicht rechts, sondern kulturell links, wie früher. Die in den Gremien sind wenige geworden, anders als früher. Und nicht alle dort empfinden das Defizit, das Jürgen anspricht. Andere fühlen sich umso wohler in ihrer unangefochtenen Bedeutung. Genießen die Gremienblase, schalten und walten, gerne auch gegeneinander, aber immer wichtig. Mit Ihnen über einen jungen Aufbruch reden? Kannste vergessen, wirft in der Runde einer der lokalen Platzhirsche ein.

So gesehen ist es nicht automatisch ein gutes Zukunftsrezept, denen in der Blase mehr freie Hand zu lassen – und denen viel unkritisches Lob, die nur von außen fordern, ohne sich verbindlicher einzumischen. Da ist ein Dilemma, sogar bei diesem Beispiel: Es gäbe gute Argumente, die Sparpolitik zu beenden und wieder begrenzt Staatsschulden aufzunehmen. Das muss nicht gut ausgehen, so wie sich Erwartungshaltungen und Gremienrealitäten auseinanderentwickeln.

Im Klimapaket zeigt sich, wie Angst vor der Klientel Kleinmut fördert

Die Gefahr: Wenn in punkto Schulden die Brandmauer fällt, gibt es kein Halten mehr. So schwach, wie die Politik inzwischen geworden ist, traut sich dann niemand mehr, Klientelforderungen (die fast immer nachvollziehbar sind) abzuweisen. Aus purer Angst vor den Wir-sind-viel-Reaktionen. Das Gegenargument: Im kleinen Berliner Klimapaket zeigt sich gerade, wie Angst vor der Klientel plus „schwarze Null“ erst recht Kleinmut fördern.

Produktive Ungewissheit: Mindestens mal das ist es, was an Power-Freitagen deutlich wird. Was daraus folgt? Future gibt’s immer, Nachfolger in den Parlamenten auch, bis heute jedenfalls. Aber hartnäckige Politik statt Greta-Show? Ein neuer Marsch durch die Institutionen? Schön wär’s. Doch dafür muss noch viel passieren, nicht nur freitags.

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