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Lieber Thwaites-Gletscher

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Die Kalbungsfront des Thwaites-Gletschers mit Blick auf das Eis unter der Wasseroberfläche im südwestlichen Teil der Antarktis.
Die Kalbungsfront des Thwaites-Gletschers mit Blick auf das Eis unter der Wasseroberfläche im südwestlichen Teil der Antarktis. © Jim Yungel/Nasa

Eine Aktivistin der „Fridays for Future“-Bewegung schildert ihre Gefühle. Die Klimakrise macht ihr Angst.

Du schmilzt. Seit Jahren. Und letzten Monat haben Forscherinnen und Forscher große Risse in Deinem Eis gefunden. Sie sagen: In wenigen Jahren wirst Du vollkommen kollabieren. Wahrscheinlich ist Dir das egal. Du bist ein Gletscher. Ich aber habe Angst. Ich erstarre innerlich, wenn ich an dich denke, wenn ich mir vorstelle, wie das Wasser immer weiter steigt.

Laut Prognosen wird Dein Eis alleine den Meeresspiegel um 65 Zentimeter anheben. Aber das ist nicht alles. Dein Kollaps ist, wie den Stöpsel einer Badewanne zu ziehen. Plötzlich entsteht ein riesiges Becken, in das die benachbarten Westantarktischen Gletscher abrutschen und schmelzen. Damit erreichen wir einen Punkt, in dem die ökologische Zerstörung jeglicher menschlicher Kontrolle entgleitet. Wo wir das, was wir angerichtet haben, nicht mehr zurücknehmen können, selbst wenn wir noch so sehr wollen.

Kritische Kipppunkte der Klimakrise

Du bist einer von vielen kritischen ökologischen Kipppunkten. Werden sie überschritten, beginnt eine katastrophale Rückkopplungsschleife. Das ist es, was die Klimakrise von allen anderen politischen Problemen unterscheidet. Wir haben nur unfassbar wenig Zeit, um sie in den Griff zu kriegen, und sollten wir dabei versagen, ist die Zerstörung unumkehrbar.

Pauline Brünger von Fridays For Future
Pauline Brünger, Autorin des Gastbeitrages. © Jörg Carstensen/dpa

Wälder werden nicht aus der Asche auferstehen, Permafrostböden nicht wieder zufrieren, und Du wirst für immer ein Teil der Ozeane sein. Werden Lebensräume unbewohnbar, können Menschen nicht mehr dorthin zurückkehren. All das passiert schon heute. In der Klimapolitik sagen wir, dass Schritte in die richtige Richtung im falschen Tempo Schritte in die falsche Richtung sind. Deswegen reicht es nicht aus, Pläne zum Einsparen von Kohlendioxid (CO2) zu machen. Die Emissionen müssen real sinken. Nicht in ein paar Jahren, sondern heute.

Klimakrise verursacht irreparable Schäden

In Deinem Fall ist es wohl zu spät, lieber Gletscher. Deine Risse werden sich nicht wieder schließen. Du wirst schmelzen und die Gletscher neben dir auch, auf der ganzen Welt wird sich der Verlauf der Küsten ändern. Wenn ich stillsitze und versuche, mir das auszumalen, dann zieht sich alles in mir zusammen.

Dein Kollaps macht auch klar, wie viel wir noch retten können. Wie viele Lebensgrundlagen zu bewahren und Menschen noch zu schützen sind, wenn wir jetzt politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich alles, wirklich alles in Bewegung setzen. (Pauline Brünger)

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